Buchbesprechung: Walter Kohl – Leben oder gelebt werden

BildAm 16. Juni 2017 verstarb Helmut Kohl, der Kanzler der Einheit, im Alter von 87 Jahren. Danach wurde die Entfremdung in seiner Familie sichtbar. Helmut Kohl, gesundheitlich seit einem Sturz 2008 schwer angeschlagen, hatte die letzten Jahre mit seiner jungen zweiten Frau, der 1964 geborenen Maike Kohl-Richter, verbracht. Kontakt zu seinen beiden Söhnen Walter und Peter und deren Familie bestand nicht mehr. Wenige Tage nach dem Tod Helmut Kohls fuhr Walter Kohl mit seinen zwei Kindern zum Haus seines Vaters in Ludwigshafen-Oggersheim. Die beiden Enkel Helmut Kohls wollten ihren Großvater noch einmal sehen. Doch Walter Kohl und den Enkeln wurde kein Einlass gewährt. Dafür war von Hausverbot die Rede.

Anders als von Walter Kohl und wohl auch dessen Bruder Peter gewünscht, wurde Helmut Kohl auch nicht im Familiengrab der Kohls neben seiner ersten Frau Hannelore beerdigt, sondern auf einem Friedhof neben dem Dom von Speyer.

Familiäres Desaster
Wer fragt, wie es zu dem gekommen ist, was „Die Welt“ als „familiäres Desaster“ bezeichnet, wird bei Walter Kohl fündig. Der 1963 geborene erste Sohn Helmut Kohls hat mit dem 2011 im Integral-Verlag erschienen, 272 Seiten langen Werk „Leben oder gelebt werden. Schritte auf dem Weg zur Versöhnung“ sich quasi aus einer existenziellen Lebenskrise geschrieben. Seine Mutter Hannelore hat sich 2001 umgebracht. Und Walter Kohl stand kurz davor, sich auch selbst zu richten. Das sehr lesenswerte Buch gibt Einblick in die Verhältnisse im Hause Kohl und zeigt, dass es nicht einfach ist, als Sohn eines der führenden Politikers Deutschland, „als Sohn vom Kohl“, aufzuwachsen.

Der Diplom-Volkswirt Walter Kohl, der von der Statur her seinem verstorbenen Vater gleicht, beschreibt, dass Helmut Kohl ein Machtmensch, aber kein Familienmensch war. Helmut Kohls Familie war vor allem die Partei, die CDU. Die eigene Familie wurde von Hannelore gemanagt, sie sich um alles zu kümmern hatte, um ihren Mann den Rücken für die politische Arbeit frei zu halten. So hatte der Vater zum Beispiel auch keine Zeit, um bei der Einschulung von Sohn Walter dabei zu sein. Und bereits am ersten Schultag wurde der Sohn vom Kohl von Mitschülern wegen seines Vaters gehänselt.

Familienfotos vom Wolfgangsee
Während Mutter Hannelore für die Kinder und die Familie da war, sahen Walter und Peter Kohl ihren Papa wochenlang nicht oder kaum. Und auch am Wochenende hatte er keine Zeit für sie, denn auch da wurde Politik gemacht und es waren wichtige Termine zu erledigen. Auch im jährlichen Urlaub in St. Gilgen am Wolfgangsee standen bei Helmut Kohl Telefonrunden mit Bonn oder Gespräche mit Journalisten an. Dafür wurden die Kinder aber instrumentalisiert, um heitere Familienfotos aus Österreich aufzunehmen. Die wurde dann an die Presse verbreitet. Die damit verbundene Botschaft einer intakten Familie war Helmut Kohl anscheinend sehr wichtig.

BildTod der Mutter
Am 5. Juli 2001 wird Walter Kohl telefonisch der Tod der Mutter mitgeteilt. Doch nicht der Vater ruft an, sondern Juliane Weber, die Büroleiterin des Vaters. Hannelore Kohl, die wie im Buch beschrieben unter einer sehr seltenen und sehr schmerzhaften Form von Lichtallergie litt, hatte ihr Leben selbst beendet. Und Walter Kohl wählt in seinem Buch als Kapitelüberschrift: „Nicht wird hier mehr so sein wie bisher“. Denn die Familienmanagerin, die Kümmer-Instanz der Familie und vor allem die von Walter und Bruder Peter geliebte Mutter ist tot.

Danach, so stellt Walter Kohl fest, fehlte das Herz und der Mittelpunkt der Familie, die bisherige Architektur der Familie war „unwiederbringlich zerstört worden“. Fortan fehlte auch die Familienmanagerin Hannelore und Walter Kohl kümmerte sich als „der Assistent“, wie er es formuliert, um die Familienangelegenheiten und Geschäfte seines Vaters. Walter wurde zum „Kümmerer“.

Die Tätigkeit als Assistent des Vaters, der Beruf sowie Schwierigkeiten in seiner ersten Ehe überforderten Walter Kohl. Er fühlte sich ausgebrannt und kaputt. Schließlich dachte er sogar daran, seinem Leben ein Ende zu setzen.

Aber, und das ist die positive Botschaft des Buches, Walter Kohl gelang es, sich neu zu orientieren und aus der Rolle des Opfers herauszutreten. Zudem fand er mit Kyung-Sook eine neue Liebe.

„Es geht um mich“
Das Schreiben hat Walter Kohl geholfen, sich selbst zu befreien. Und er versöhnt sich damit, der Sohn vom Kohl zu sein. „Durch das Schreiben begann ich, meinen langjährigen Irrtum zu akzeptieren, dass ich Ansprüche an meinen Vater anzumelden hätte. Heute glaube ich, dass es keinen anhaltenden Anspruch auf einen Vater gibt“, stellt Walter Kohl fest. Und er erkennt: „Als erwachsener Mensch bin ich für mein eigenes Glück verantwortlich. Ob mit oder ohne Vater, das ist letztlich egal. Denn es geht nicht um meinen Vater, es geht um mich.“
(Text: Werner Rüppel, Cover: © Integral Verlag, Foto: © Jan Frommel)

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