Mitten in der Fastenzeit

Die Fastenzeit oder im Zusammenhang mit dem Christentum auch oft Passionszeit genannt, ist die mehrwöchige Vorbereitung auf Ostern. Diese alljährliche Tradition soll an das 40-tägige Fasten Jesu Christi erinnern, welches er vor seinem öffentlichen Wirken einlegte. Wird das Fasten als christliche Tradition in unserer Region noch ernst genommen? Wie fastet unsere Region? Existiert noch der traditionelle, religiöse Hintergrund oder ist das Fasten mittlerweile in der Popkultur angekommen?

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Das heutige Fasten wird eher als Verzicht und Herausforderung gedeutet, so kann es auch kurioserweise der Verzicht auf den Kauf von Schuhen sein: „Ich möchte die Fastenzeit nutzen, um ein wenig von meiner Schuhsucht wegzukommen, denn langsam nimmt es gefährlichen Ausmaß an“, so Cecilia Bereen.


Was die wenigsten wissen, sieht die christliche Tradition eigentlich zwei Fastenzeiten vor, da der Advent auch eine Fastenzeit ist. So begannen Gläubige im Mittelalter am 11.November, dem Martinstag, zu fasten, um nach 40 Tagen Weihnachten zu feiern. Der Brauch am Martinstag eine Gans zu essen, bevor der Advent beginnt, stammt aus dieser Zeit. In orthodoxen Kirchen war besagte die weit verbreitete Ansicht, dass jeder Gläubige durch das Fasten zur Besinnung und Selbsteinkehr kommen soll: In dieser Zeit sollte das Beten, sowie der strikte Enthaltung auf sündige Taten der Hauptaspekt sein. Der Nahrungsverzicht ist eine moderne Auslegung dieser Tradition. Eine zusätzliche Form des Fastens gibt es in vielen Klöstern unserer Region: Hier zeichnet sich das Fasten oft durch den kompletten Nahrungsverzicht bis 15 Uhr aus. Danach darf nur Brot, Wasser und vereinzelte Früchte zu sich genommen werden. Diese Form ist für die Große Fastenzeit vor Ostern vorgesehen. Von Laien und Nicht-Klerikern wird diese Art von Fasten oft am ersten Fastentag und am Karfreitag eingehalten.

Doch wie legen Menschen aus unserer Region das Fasten aus? Halten sie sich an die festen traditionellen Regeln oder suchen sie eigene Herausforderungen? „Ich faste nicht wirklich im traditionellen Sinn. Ich habe diese Tradition, die in meiner Familie sehr ernst genommen wird, mehr oder weniger selbst ausgelegt: Ich verzichte auf Alkohol und jegliche Genussnahrungsmittel wie Schokolade“, erklärt Johannes Oliver, ein 25-jähriger Jura-Student. Seine Familie versteht die Tradition des Fastens im klassischen Sinne und hält sich auch an die Regeln dieser Tradition, „sie lässt mir aber auch die Freiheit mein eigenes Maß an Fasten zu finden. Das finde ich gut. Einerseits kann ich mich selbst in dieser Tradition zurechtfinden, andererseits sehe und lerne ich das klassische Fasten an meinen Eltern kennen.“ Auf dieser Weise wird der Sinn für Verzicht und den Übermaß an Wohlstand unserer Gesellschaft geschärft. „Die Fastenzeit ist für mich persönlich eigentlich absolut keine religiöse Idee mehr. Genauso wie bei Neujahrsvorsätzen nehme ich mir Jahr für Jahr etwas vor und probiere es auch einzuhalten. Wobei es in den wenigsten Fällen klappt“, erklärt Patrick Moser, ein 48-jähriger Familienvater. Seine Vorsätze drehen sich meistens um sein Laster des Rauchens. „Meine Frau allerdings, fastet vegan. Sie verzichtet auf Fleisch, Fisch, sowie jedes tierische Produkt in ihrer Nahrung. Ich bewundere ihren Sinn für die Tradition und ihren Willen, sowie Disziplin. Wie gesagt, ich kann so etwas nicht. Wie man sieht“, erklärt Moser und zieht lachend an seiner Zigarette.

Das Fasten wird heutzutage in der breiten Masse in unserer Region eher als Verzicht auf Luxus- sowie Konsumgüter gedeutet. So kann es auch kurioserweise der Verzicht auf den Kauf von Schuhen sein: „Ich möchte die Fastenzeit nutzen, um ein wenig von meiner Schuhsucht wegzukommen, denn langsam nimmt es gefährlichen Ausmaß an. Es ist wie mit Neujahrsvorsätzen: Man braucht einen festen Zeitrahmen und jemanden der mitmacht. Wenn man weiß, die beste Freundin verzichtet gerade auf Schokolade, fällt es einem selbst auch einfacher mit seinem eigenen Verzicht umzugehen“, so Cecilia Bereen, eine 36-jährige Kauffrau aus Aschaffenburg. „Ich glaube, heutzutage fasten die wenigsten Menschen traditionsgemäß oder mit einem religiösen Hintergrund. Die Tradition hat sich zumindest bei der breiten Masse gewandelt, jeder legt es so aus, wie er es momentan für richtig hält.“, kommentiert Bereen weiter.

„Ich faste, um endlich abzunehmen und mir eine gemäßigtere Ernährungsweise anzugewöhnen. Das gute an der Fastenzeit ist, dass man im Hinterkopf hat, dass sehr viele Menschen zur selben Zeit verzichten. Das gibt mir zumindest die Kraft es durchzuziehen“, so die aus dem Seligenstädter Raum kommende Grafikerin Julia Kier. Zu ihrer Umstellung der Ernährung geht die 41-jährige joggen: „Es wäre schön, wenn ich mir das angewöhnen kann und auch außerhalb der Fastenzeit weiterhin so regelmäßig Sport treiben würde. Ob das klappt, werden wir sehen“.

So kann man festhalten, dass man Fasten in unserer Region in grundsätzlich drei Stufen einteilen kann: Während der Fastenzeit steigen nur sehr wenige auf eine vegane und alkoholfreie Ernährungsweise um. Eine ebenso kleine Menge der Befragten äußerte, dass sie auf kleiner Basis wie z.B. mit der Reduzierung der Anzahl und der Menge der Tagesmahlzeiten, fastet. Die meisten der Befragten aber legen die Fastenzeit individuell ohne religiösen Hintergrund aus. So wird das heutige Fasten in unserer Region eher als Verzicht und Herausforderung für die eigene Person gedeutet. Ob es der Verzicht auf Zigaretten und Alkohol ist oder ob es eine Zeit ist, in der man sich etwas Bestimmtes wie z.B. das Joggen angewöhnen oder z.B. den Kauf von Schuhen abgewöhnen möchte: Ihren Sinn hat die Fastenzeit nicht verloren, auch wenn sie individuell ausgelegt wird. Fasten lehrt uns zu verzichten und warnt uns vor Maßlosigkeit. (km) // Foto: © Zeit4men – Fotolia.com

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