Die Sandkirche in Aschaffenburg

BildIn Aschaffenburg gab es eine Zeit lang den mahnenden Spruch „Dafür kimmste hinner die Sandkersch“. Diesen Spruch bekam im Volksmund jeder zu hören, der etwas verbrochen hat, da sich bis 1970 die Justizvollzugsanstalt und das Untersuchungsgefängnis von Aschaffenburg hinter der Sandkirche befand.

Die im Volksmund genannte Sandkirche ist die Wallfahrtskirche „Die Kirche zur weißen Lilie“, welche stoisch im Innenstadtlärm ein Hauptaugenmerk in der Aschaffenburger Sandgasse darstellt. Die Kirche ist die einzige Kirche Aschaffenburgs, die im 2. Weltkrieg Krieg ohne größere Schäden überdauerte. So kann man noch heute im Inneren der Sandkirche herrliche Rokokoausstattung betrachten und einen sehenswerten Hochalter aus Stuckmarmor mit „Gnadenbild der schmerzhaften Muttergottes“ aus dem 15.Jahrhundert bestaunen.

Die „Kirche zur weißen Lilie“ ist eine Votivkirche in Aschaffenburg. Als Votivkirchen werden Kirchen bezeichnet, welche als Zeichen des Dankes für die „Rettung aus einer Notlage“, mit der „Bitte um Erfüllung eines Wunsches“ oder zur „Sühne“ erbaut wurde. Hergeleitet ist das Wort Votiv aus dem Latein und bedeutet in etwa „gelobtes Opfer“ oder „Gelübde“.

Der Bau unserer Sandkirche gilt als Dank für den Fund des „Gnadenbildes der schmerzhaften Muttergottes“, welches heute noch im Hochaltar zu sehen ist. Über den genauen Fund und die Herkunft des Gnadenbildes gibt es keine gesicherten Nachweise: Die Sage allerdings berichtet dass die Gegend um die heutige Sandkirche früher stark bewaldet war. In diesem dichten Wald soll ein „einheimischer Schäfer“ eine weißblühende Lilie gefunden haben. Verwundert über den ungewöhnlichen Standort der Lilie grub er die Blume, mit dem Ziel sie in den heimischen Garten zu verpflanzen, aus. Bei der Wurzel der Lilie fand er in der Erde das „Gnadenbildnis der schmerzhaften Muttergottes“. So wurde als Dank für diesen Fund die „Kirche zur weißen Lilie“ errichtet.

Die „Kirche zur weißen Lilie“ wurde im Laufe ihrer Geschichte zu einer Wallfahrtskirche, besonders in den Zeiten der Pestepidemie, um 1606 in Aschaffenburg. In dieser Zeit wurde besonders das Stadtteil Damm getroffen: In weniger als 4 Wochen verstarben mehr als 300 Menschen: Für die damalige Zeit eine unvorstellbare Menge. Die knapp 100 Überlebenden entschlossen sich am Freitag vor dem Michaelstag (29. September), dem sogenannten Hellfeiertag, eine Wallfahrt zur Lilienkirche zu feiern und Gott für ihr Überleben zu danken, aber auch für die Verstorbenen zu beten.

Als die „Kirche zur weißen Lilie“ ein immer größerer Magnet für Gläubige und Wallfahrer wurde, so entschloss sich der Rat der Stadt Mitte des 18. Jahrhunderts zum Bau einer neuen, größeren Kirche. Laut den Urkunden und Berichten im Stadtarchiv Aschaffenburg gingen der damalige Stadtschultheiß Veit Christoph Molitor, der Ratsherr Tobis Marzell und der Ratsherr Johann Christoph Mühlbacher „mit der Sammelbüchse von Haus zu Haus“ um Spenden für einen Neubau zu sammeln. Durch diese Spenden, sowie der wöchentlichen Kirchenkollekte kamen laut Urkunde 13.556 Gulden zusammen. Weitere finanzielle Unterstützung wurde durch den Oberamtmann von Amorbach Reichsgraf Johann Franz Wolfgang Damian von Ostein entgegengebracht, welcher sehr angetan war von der Initiative der Bürger: So wurde am 09. Februar 1756 mit dem Ausbau für die neue Aschaffenburger Sandkirche begonnen. Am 30. Oktober 1757 wurde der fertige Bau von dem Mainzer Weihbischof Christoph Webel geweiht worden. Die uns heute bekannte Sandkirche ist der Neubau aus dem Jahre 1757. Auch wenn wir heute im Alltagsstress unserer Sandkirche nicht beachten und immer weniger Menschen um ihre Vergangenheit wissen, ist es doch schön herauszufinden, welche Geschichten diese alte Kirche erzählen kann: Von dem undatierten, sagenumwobenen Fund der namensgebenden weißen Lilie über die Pestepidemie im Jahr 1606 in Aschaffenburg, bis hin zum Neubau der Kirche im Jahr 1757. Wenn sie nächstes Mal wieder in Alltagsstress und Eile an unserer Sandkirche vorbeirennen, so halten Sie einen Moment an und versuchen Sie ein Stück der stoischen Kraft der „Kirche zur weißen Lilie“ mitzunehmen. (km) // Foto: Lizenzfrei

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