Interview mit dem langjährigen Aschaffenburger OB Dr. Willi Reiland

„Viel Harmonie in unserer Stadt bewahren“ – Interview mit dem langjährigen Aschaffenburger OB Dr. Willi Reiland

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Dr. Willi Reiland im Wohnzimmer vor seinem Globus


Herr Dr. Reiland, Sie feiern Anfang November Ihren 80. Geburtstag. Dürfen wir schon gratulieren?
Dürfen Sie, ich bin eigentlich nicht abergläubisch.

Wie werden Sie Ihren Geburtstag begehen. Wollen Sie verreisen oder lieber eine große Party feiern?
Zu meinem 60. Geburtstag habe ich 820 Gäste in die Stadthalle eingeladen und ein tolles Fest gefeiert, zum 65. habe ich den Stadtrat auf ein Glas Sekt in den Lichthof des Rathauses eingeladen. Der 70. und auch der 75. Geburtstag wurden bei mir zu Hause gefeiert unter dem Motto „wer kommt der kommt“. Ich werde auch zum 80. nicht verreisen, sondern feiern.

Wo werden Sie feiern?
Es wird bei mir ein „Haus der offenen Tür“ geben.

In Ihrer Amtszeit haben Sie in Aschaffenburg viele Bauwerke initiiert und umgesetzt. Dazu zählt sicherlich die Stadthalle. Sind Sie mit dem Ergebnis zufrieden?
Das Projekt Stadthalle durchzusetzen, hat sehr viel Kraft gekostet, von der Idee bis zur Einweihung sind immerhin 20 Jahre vergangen. Ich bin damals auf viele Widerstände gestoßen, u.a. aus dem Hotelbereich, aus Angst vor Konkurrenz. Auch von Seiten der CSU gab es Aufl agen, so musste im 3. und 4. Stock der Tiefgarage ein Atomschutzbunker miteingebaut werden. Auf jeden Fall ist es ein großer Vorteil für Aschaffenburg die Stadthalle mitten in der Stadt zu haben. Und: Ja, die Stadthalle ist insgesamt sehr gelungen.

Sie haben, wie Sie selbst einmal gesagt haben, immer gerne gebaut. Welche Bauwerke waren Ihnen die wichtigsten?
Die Bauwerke waren mir nicht das Wichtigste, für mich war in meiner Amtszeit wichtig, möglichst vielen Bürgern im sozialen Bereich zu helfen. Dabei bin ich auf vier Dinge besonders stolz.

Auf welche?
Erstens ist es mir gelungen, fast hundert jüdische Bürger wieder mit der Stadt zu versöhnen. Außerdem wurde während meiner Amtszeit das jüdische Dokumentationszentrum am neu gestalteten Wolfsthalplatz errichtet. Zweitens konnte ich es ermöglichen, dass kinderreiche Familien ab vier Kindern einen Bauzuschuss von 10000 Mark erhalten. Zusätzlich galt für diese Familien bei städtischen Grundstücken das Erbbaurecht, d.h. sie konnten ihre Grundstücke ratenweise abbezahlen. Drittens ist es uns gelungen, jedes Jahr 30 Sozialhilfeempfänger in einer Städtischen Einrichtung ein Jahr lang unterzubringen, so dass sie danach ein Anrecht auf Arbeitslosenhilfe und bessere Berufschancen hatten. In Aschaffenburg wurde, da bin ich beim vierten Punkt, während meiner Amtszeit die erste Krabbelgruppe für Kinder unter drei Jahren in der Stadtmitte errichtet. Sie wurde zu einem Drittel über städtische Zuschüsse finanziert.

Zurück zu den Bauwerken, was war Ihnen dabei wichtig?
Dass wir neben Stadthalle, Unterfrankenhalle und Eissporthalle uns vor allem um den sozialen Wohnungsbau gekümmert haben. Wir haben insgesamt 3.000 Wohnungen bei der Stadtbau zur Verfügung gestellt, 1970 haben wir die ersten Sozialwohnungen mit Zentralheizung gebaut, in Nilkheim haben wir die alten Baracken abgerissen und neue, modernere Wohnungen gebaut.

Vieles, was früher umstritten war, erfährt heute breite Zustimmung. Wie stellt sich die Vollendung der Ringstraße aus Ihrer Sicht dar?
Es war die erste Eröffnung ohne Gegendemonstration. Ich kenne keine Stadt, die die Möglichkeit hat, einen Ring in Tieflage zu führen. Die Ringstraße wird sehr gut angenommen, die Durchführung war aber sehr schwierig, es gab viele Widerstände. Ich hatte manchmal das Gefühl, ich bin der Einzige, der den Ring will.

Warum ist Aschaffenburg als Einkaufsstadt so attraktiv und beliebt?
Aschaffenburg lebt von der Zweiteilung in Fußgängerzonen und City-Galerie in der Stadtmitte. Beide ergänzen sich im positiven Sinn. Ich habe immer versucht, die Innenstadt zu stärken, habe Schöntalkonzerte und Stadtfest ins Leben gerufen.

Aschaffenburg ist dank Ihrem Wirken jetzt Hochschulstadt. War das ein wichtiger Schritt für unsere Stadt?
Wir hatten Glück. Es wurden neue Hochschulstandorte gesucht. Für Aschaffenburg hieß es zunächst „keine Chance“. Dann zog Heidelberg 10.000 amerikanische Soldaten ab, so dass es einen Standort für die Fachhochschule gab, nämlich die ehemalige Jägerkaserne. Heute ist die Fachhochschule ein Selbstläufer.

In der Bevölkerung werden Sie auch „Brunnen-Willi“ genannt. Liegen Brunnen Ihnen am Herzen?
Wasser bedeutet für mich Leben. Deshalb gibt es in Aschaffenburg überall Brunnen wie zum Beispiel den am Wolfsthalplatz, den Geißenbrunnen in Obernau, den Brentanobrunnen, den Sparkassenbrunnen im Offenen Schöntal, den Brunnen am Geschwister-Scholl-Platz.

Welcher Brunnen in Aschaffenburg gefällt Ihnen am besten?
Am besten gefällt mir der Brentanobrunnen; den Bernhard Vogler im Jahr 1987 im Auftrag erstellt hat. Der neue Brunnen im Offenen Schöntal gefällt mir auch gut.

Sie haben Kultur und Sport stets gefördert. Wie wichtig sind diese für eine Stadt?
Ich komme selbst vom Sport, habe jahrelang Handball gespielt, auch als ich schon im Landtag war, bis dann Sport und Politik zeitlich nicht mehr vereinbar waren. Mein Interesse am Sport hat dazu geführt, dass die jeweiligen Sportamtsleiter mir direkt zugeordnet waren. Als der ehemalige Sportamtsleiter und Nationalspieler Ernst Lehner 60. Geburtstag feierte, waren Fritz Walter, Ottmar Walter und der Bundestrainer da. Ein Großteil der Sportplätze in Aschaffenburg wird durch die Stadt betrieben. Wir haben 4.000 Sitzplätze in der Unterfrankenhalle, richteten Ringerweltturniere in der TVA-Halle aus, Arantxa Sanchez und Boris Becker waren da. Unterm Strich: Junge Leute sollten unbedingt irgendeinen Sport betreiben, am besten einen Mannschaftssport. Sport ist sehr wichtig. Ich habe stets die Sportabzeichen an den Schulen gefördert und selbst ausgegeben.

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Dr. Willi Reiland im Wohnzimmer vor einem Bild von Gunter Ullrich


Auf welches kulturelle Projekt sind Sie besonders stolz? Aschaffenburg hat zum Beispiel bundesweit höchsten Respekt für die Ausstellungen in der Jesuitenkirche?
Für die Jesuitenkirche gab es ein Investitionsprogramm, sie wurde für eine Million Mark umgebaut, davon waren 800.000 Zuschuss. Im kulturellen Bereich gibt es eine Menge, was wir entwickelt haben, das Stadt- und Stiftsarchiv, die neue Bücherei, die Museen. Wichtig ist, dass Aschaffenburg über ein sehr breites und attraktives kulturelles Angebot verfügt.

Zurück zum Sport: In Ihrer Amtszeit wurde die Unterfrankenhalle gebaut, wo jetzt Großwallstadt spielt. Finden Sie es als ehemaliger Handballer nicht schade, dass der TVG abgestiegen ist?
Bei der Eröffnung der Unterfrankenhalle haben wir extra Kurt Klühspies eingeladen, um zu dokumentieren, dass wir Großwallstadt gerne in der Halle hätten. Ich selbst gehe fast zu jedem Heimspiel, da sitze ich dann am liebsten hinter dem Tor, weil ich selbst Torwart war. Bisher hat es leider nicht geklappt, genügend Sponsoren zu fi nden, dass man die guten Spieler halten kann. Viele Nationalspieler wurden weggekauft. Das ist sehr schade. Ich hoffe, dass es gelingt, mit jungen Spielern den Aufstieg wieder zu schaffen.

Sie haben ja immer sehr viel Sport gemacht. Sind Sie mit 79 Jahren immer noch sportlich aktiv?
Ich habe bis vor drei Jahren dreimal pro Woche morgens um sieben Uhr Tennis gespielt. Das habe ich fast 30 Jahre gemacht. Heute spiele ich drei- bis viermal in der Woche Golf, jeweils zwei Stunden lang. Meine Frau gewinnt fast immer. Der Golfsport ist unser gemeinsames Hobby.

Wie verbringen Sie Ihren Ruhestand?
Ich habe so viele Hobbies, dass die Zeit kaum reicht, das Haus, der große Garten. Außerdem lese ich sehr viel und habe eine große Mineraliensammlung mit schönen Erinnerungsstücken u.a. von der Insel Elba und aus Tunesien.

Was ist für Sie der schönste Platz in Aschaffenburg?
Der schönste Platz ist für mich um das Schloss herum. Zwei Bauten sind mir dabei besonders wichtig, das Schloss und die Stiftskirche. Damit die Stiftskirche erhalten bleibt, bin ich 2. Vorsitzender im Stiftsbauverein. Wir unterstützen zum Beispiel durch den Verkauf von Wein und Schokolade die Anschaffung einer neuen Orgel.

Herr Dr. Reiland, erlauben Sie mir noch Fragen zu aktuellen Themen. Wie gefällt Ihnen der neue Bahnhof?
Ausgesprochen gut. Erst vor kurzem war ich wieder am Bahnhof und mir wurde bewusst, was für ein Leben durch den neuen Bahnhof in die Stadt kam. Wir können uns mit unserem Bahnhof sehen lassen, der Bahnhof ist das Aushängeschild einer Stadt.

Wie ist Ihre Meinung zum geplanten Ausbau der Darmstädter Straße? Droht nicht, wenn sie komplett vierspurig wird, sehr viel mehr Verkehr der durch Aschaffenburg fließt?
Das ist ein Kapitel, das ich noch nicht ganz durchschaue. Ich gab erst kürzlich den Rat an die Stadträte, dass sich alle Firmeninhaber aus dem Hafen zusammensetzen sollen und beraten, ob ein Ausbau notwendig ist und welche Schwierigkeiten es gibt. Ohne mit den Firmeninhabern gesprochen zu haben, kann man den Ausbau der Straße nicht planen. Die Entscheidung ist im Stadtrat noch offen. Inwieweit eine Mauer etwas bringt, da habe ich so meine Zweifel. Der zweite Teil der Darmstädter Straße muss auf jeden Fall unangetastet bleiben.

Aschaffenburg ist eine sehr schöne Stadt, doch was sollte Ihrer Meinung nach noch verbessert werden?
Es gibt noch einige hässliche Baulücken in der Stadt, die sehr schwierig zu schließen sind. Dazu gehört das brachliegende Grundstück in der Badergasse, hinter dem Pelzgeschäft Drescher, oder die Baulücke in der Heinsestraße neben dem Asia-Shop, auch in der Breslauerstraße muss noch eine unansehnliche Baulücke geschlossen werden. Außerdem muss die Stadt versuchen, weiterhin eine Finanzpolitik der Vernunft zu betreiben mit einem Haushalt ohne Neuverschuldung. Zudem gilt es, im Rahmen des Möglichen die Kräfte zu fördern, die bereit sind sich zu engagieren, das heißt auch ihnen die nötige Anerkennung entgegenzubringen. Ich wünsche mir, viel Harmonie in unserer Stadt zu bewahren, was heute schwieriger geworden ist als früher.

Was liegt Ihnen noch am Herzen?
Ehrenamtliche müssen gefördert werden, denn von deren Aktivität lebt eine Stadt. Die Anerkennung ihrer Arbeit ist sehr wichtig.

Herr Dr. Reiland, herzlichen Dank für das interessante Interview. Interview + Fotos: Christiane Schmidt-Rüppel

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