Sind wir hier am Untermain echte Bayern?

Manche sprachliche und kulturelle Unterschiede – Das Bier ist bei uns viel besser eingeschenkt
Im Juni ist es 200 Jahre her: Seit 1814 gehört Aschaffenburg zu Bayern, erst zum Königreich Bayern und später zum Bundesland Bayern. Zuvor war Aschaffenburg über viele Jahrhunderte zentraler Bestandteil und Sommerresidenz (mit Schloss und Schönbusch) vom Kurfürstentum Mainz gewesen. Doch sind wir hier am Bayerischen Untermain inzwischen „echte Bayern“? Das wollen wir in diesem Artikel anhand wichtiger Punkte, versuchen zu klären.

Wie die Wirtin vom Blauen Bock
Als sie zur Ausbildung mehrere Monate in Stuttgart wohnte, da hatte die Schwägerin, die aus Aschaffenburg stammt, ein Erlebnis, das ihr in Erinnerung blieb. Eine Kollegin sagte zu ihr: „Du sprichst ja wie die Frau Wirtin im Blauen Bock.“ Mit dieser Einordnung hatte die junge Frau sogar Recht. Nicht allein, dass es bei uns in der Gegend, vor allem im Kahlgrund, einen hervorragenden Apfelwein gibt, der sich hinter keinem Hessischen Stöffche verstecken muss. Sprachlich gesehen befi nden wir uns westlich der durch den Spessart verlaufenden „appel-apfel-Linie“, wir sprechen wie die Mainzer, die Frankfurter und andere benachbarten Hessen rheinfränkisch. In Ascheberg wird „gebabbelt“ und es gibt ein „Ascheberger Mädsche“, aber ein „Würzburger Mädle“. Der Wirt vom Blauen Bock, Heinz Schenk, stammt übrigens aus Mainz und wollte ursprünglich Pfarrer werden. Doch das ist wieder eine andere Geschichte. Von der Sprache her klingen wir also nicht wie echte Bayern. Doch gibt es in Bayern keinen einheitlichen Dialekt, sondern enorme regionale und lokale Unterschiede. Altbairisch reden nur die wenigsten. So sprechen die Menschen in Schwaben schwäbisch-alemannisch, in Würzburg mainfränkisch und in der Oberpfalz haben sie einen eigenen Dialekt, der für Auswärtige mitunter nur schwer verständlich ist. Insofern passen wir sozusagen als bayerische Hessen vielleicht auch gut in die Sprachenvielfalt Bayerns.

Sind wir etwa Hessen?
Manch einer ordnet die Aschaffenburger auch gerne als Hessen ein. Das passt sprachlich. Auch kommt man mit den Menschen am Bayerischen Untermain leicht ins Gespräch, wir sind weltoffen wie auch die Frankfurter. Hingegen sind die Menschen in weiten Teilen Frankens und Bayerns zunächst einmal schwerer zugänglich, doch mag das auch mit vorwiegend ländlichen Strukturen zusammenhängen. Doch gibt es auch zu Hessen deutliche Unterschiede. Nicht nur dass auch am Bayerischen Untermain bei Landtags-oder Bundestagswahlen anders als in Hessen meist die christliche Partei und nicht die SPD dominiert. Unsere Region ist auch dank der jahrhundertelangen Zugehörigkeit zu Mainz stark katholisch geprägt. Bei uns gehen – wie auch überwiegend im Bundesland Bayern – die meisten Buben und Mädchen zur Kommunion und nicht zur Konfirmation. Bei uns gibt es auch noch „Buben“ und keine „Jungs“ wie in Norddeutschland.

Es gibt eine Halbe
Enorme Unterschiede zu Hessen gibt es auch bei der Bierkultur. Ein Freund aus Frankfurt, der aus München stammt, kam sich beim Besuch in Aschaffenburg wie im bayerischen Himmel vor. Anders als in Frankfurt gibt es bei uns im Biergarten einen halben Liter Bier als Standardgröße und wer will, der kann auch eine Maß trinken. Nicht nur, dass wir nicht diese kleinen Gläser haben, auch die Bierpreise das sind im Vergleich zum Großraum Frankfurt moderat. Natürlich ist das Bier bei uns günstiger als in München, aber dort zahlt man eben auch Großstadtpreise. Bayern, damit werden in aller Welt neben Bier immer auch Oktoberfest, Weißwürst‘, Frauen in Dirndl und Männer in Lederhosen verbunden. Unter diesem Gesichtspunkt sind wir hier im Spessart und am Bayerischen Untermain inzwischen geradezu „Ober-Bayern“. Nicht nur dass auf unseren Festen die Maß‘ in aller Regel weitaus besser eingeschenkt ist als auf dem Oktoberfest (wenn nicht, kann man bei uns meist noch ein „Spruz“ drauf haben – machen Sie das mal am Oktoberfest!), immer mehr junge Leute schaffen sich Dirndl‘ und Lederhose an, um zu feiern. Schuhplattler gibt es auch im Spessart und auch Blaskapellen haben wir etliche. Zudem sind Weißwurst-Frühstücke mit süßem Senf und Weißbier am Bayerischen Untermain geradezu in.

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Aschaffenburg in Oberfranken?
Allerdings gibt es auch ein Problem für unsere Region mit Bayern: Viele in der Landeshauptstadt München, die mit dem PKW rund 350 km entfernt ist, kennen den Bayerischen Untermain nicht oder zu wenig. Die Gefahr besteht durchaus, dass die Gelder des Landes eher in München oder in Oberbayern landen als bei uns. Dass der ein oder andere Bürger im Süden Bayerns Aschaffenburg in Hessen wähnt, das sei im verziehen. Als aber ein Politiker wie der langjährige Münchener Oberbürgermeister Christian Ude Aschaffenburg nach Oberfranken legte, da waren wir am Bayerischen Untermain schon enttäuscht. Ja, wir wissen schon, München ist nicht Bayern. Aber Ude wollte schließlich bayerischer Ministerpräsident werden. Immerhin scheint Horst Seehofer aus Ingolstadt in Oberbayern den Norden des Freistaats besser zu kennen.

Sein bayerisches Nizza
Einen viel größeren Bezug zu Ascheberg hatte König Ludwig I von Bayern im 19. Jahrhundert. Er weilte oft und gerne in Aschaffenburg und schrieb: „Fühl mich heimisch bei Dir ..“. Ludwig nannte Ascheberg sein „bayerisches Nizza“. Und gerade hier am wärmsten Fleck Bayerns ließ Ludwig I sein Pompejanum bauen. Dank dem bayerischen König können wir uns noch immer über dieses einmalige Bauwerk, das so gut in das südlich geprägte Aschaffenburg passt, erfreuen. In den vergangenen Jahren hat Bayern sehr vom Bayerischen Untermain profitiert. Das ist zum einen die hohe Wirtschaftskraft durch die Lage im Rhein-Main-Gebiet nebst dem günstigen Standort des Hafens. Zudem haben viele Aschaffenburger in München wichtige Aufgaben erfüllt. Dazu gehört nicht allein Prof. Winfried Bausback, der neue bayerische Justizminister. Auch Alfons Goppel, der langjährige bayerische Ministerpräsident, war zuvor Landrat im Landkreis Aschaffenburg und 2. Bürgermeister in Ascheberg. Fazit: Der Bayerische Untermain und seine offenherzigen Menschen sind eine wertvolle Bereicherung für Bayern. Sicherlich sind wir inzwischen auch halbe Bayern. Ob wir „echte“ Bayerns sind, das soll am besten jeder selbst entscheiden. Auf jeden Fall sind wir in Bayern oben!!
(wrü) // Foto: © Kzenon – Fotolia.com

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