ALS – Ice Bucket Challenge

Wie eine gut gemeinte Aktion langsam ihren Sinn verfehlt

Vom 15. Juli bis zum 23. August 2014 nahm die ALS Association rund 62,5 Millionen US-Dollar durch Spenden ein; im Vorjahr wurden ohne die „ALS Ice Bucket Challenge“ hingegen nur 2,4 Millionen US-Dollar eingenommen. Die Zahlen sprechen eindeutig für sich, allerdings sollte man hier aufpassen, dass die Spendenbereitschaft nicht im Sumpf der Selbstinszenierung verloren geht.

BildDie ALS Ice Bucket Challenge (dt. Eiskübel-Herausforderung) ist eine Kampagne, die ihrer ursprünglichen Idee nach auf die Nervenkrankheit Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) aufmerksam machen sollte. So wollte man auf eine humorvolle Art und Weise Spender für die Organisation „ALS Association“ und die Erforschung der Krankheit gewinnen. Die Regeln der Challenge sind einfach: Man schüttet sich ein Eimer eiskaltes Wasser über den Kopf um einen kurzzeitigen Nervenschock zu simulieren, stellt davon ein Video ins Internet und spendet 10 Dollar an die forschende Stiftung. Zudem muss man 3 weitere Personen herausfordern, die selbiges tun müssen. Weigert sich eine Person der Herausforderung innerhalb 24 Stunden nachzukommen, ist sie aufgefordert 100 Dollar spenden. Ihren Ursprung hat die „ALS Ice Bucket Challenge“ im USSport: Im Football haben die meisten Teams Eiskübel am Spielfeldrand, um Spieler mit verletzten Knöcheln schnell abzukühlen. Im Laufe der Jahre ist es Tradition geworden nach einer gewonnen Meisterschaft bereits auf dem Spielfeld zu feiern und den Trainer oder besondere Spieler mit diesem Eiswasser zu überschütten (ähnlich einer Champagnerdusche in der Formel 1 oder einer Bierdusche im Fußball). In der „ALS Ice Bucket Challenge“ steht das Auskippen des Eiswassers metaphorisch für einen Sieg über die Krankheit Amyotrophe Lateralsklerose. Zudem löst der extreme Temperaturunterschied bei vielen Teilnehmern einen kurzen, temporären Nervenschock aus. Dieser simuliert bei gesunden Menschen angeblich für wenige Sekunden einen ähnlich schmerzenden, körperlichen Zustand wie bei ALS-Erkrankten. In den USA nahmen nicht nur zahlreiche Privatpersonen, sondern auch sehr viele Prominente wie Microsoft-Gründer Bill Gates, Schauspieler wie Charlie Sheen, Patrick Stewart und Benedict Cumberbatch sowie Sportler wie Basketball-Profi LeBron James teil. Bis zu einem gewissen Zeitpunkt ist die „ALS Ice Bucket Challenge“ eine humorvolle Aktion Spenden für eine ernste Angelegenheit zu generieren. Seit Mitte Juli 2014 wurde aus der Herausforderung ein virales Internet-Phänomen, welches in den letzten Wochen auch immer mehr Privatpersonen in Deutschland in ihren Bann zog. Vom 15. Juli bis zum 23. August 2014 nahm die ALS Association rund 62,5 Millionen US-Dollar durch Spenden ein; im Vorjahr wurden ohne die „ALS Ice Bucket Challenge“ hingegen nur 2,4 Millionen US-Dollar eingenommen. Schaut man sich die große Welle der Videos, welche die Aktion dokumentieren, in verschiedenen Sozialen Netzwerken an, so merkt man dass der Spaß immer größer und die Herausforderungen immer verrückter werden. Der ernste Hintergrund der Aktion gerät allerdings langsam in Vergessenheit. Man wird hier das Gefühl nicht los, der Großteil der teilnehmenden Privatmenschen wisse eigentlich nichts über die Kampagne gegen die Krankheit oder den eigentlichen Grund, warum man sich gerade Eiswasser über den Kopf schüttet. So wird aus einer Idee mit Humor an einen guten Zweck heranzuführen, ein mittlerweile verwässertes Internet-Phänomen, das von vielen letzten Endes nur ausgenutzt wird, um sich selbst in Szene setzen. Oft ist die Anzahl der Klicks, Likes und Kommentare zu dem eigenen „Ice Bucket Challenge“-Video wichtiger, als der eigentliche Hintergrund der Spendenaktion. Das hat leider nichts mehr mit Spendenbereitschaft zu tun. Das ist realitätsferne Selbstdarstellung. Im Juli 2014 endete diese Selbstinszenierung sogar tragisch: Im deutschen Isselburg wollte ein Mann sich und seine Familie im Rahmen der Challenge spektakulär mit 2000 Liter Eiswasser aus einer Baggerschaufel übergießen lassen. Da der Bagger jedoch nicht richtig gesichert wurde und das Gewicht somit nicht ausbalanciert war, kippte der Bagger um und erschlug die unter ihm stehenden Personen. Gegner der „Ice Bucket Challenge“ empören sich, dass durch die Challenge die „Schwere der Krankheit trivialisiert“ werde. Zudem gäbe es mittlerweile zu viele Mitläufer, die gar nicht spenden, aber durch die Teilnahme an der Challenge den Anschein erwecken es getan zu haben. Ken Wyman, Wirtschaftsdozent für „Fundraising Management“ in Toronto, erklärt in einem Interview mit der US-amerikanischen Zeitung „Financial Times“, die Spenden für die ALS Association steigen zwar kurzfristig an, würden allerdings nach dem Abebben der Aktion wieder auf dem alten Stand zurückfallen. Es bestehe erfahrungsgemäß auch die Gefahr, die Organisation könnte auch viele Dauerspender verlieren, da der Gedanken entsteht, man könne nun andere Organisationen unterstützen, die keine so große, öffentliche Aufmerksamkeit genießen konnten. Auch wenn man sich nichtsdestotrotz über jeden gespendeten Cent freuen kann, werden die ca. 70 Millionen US-Dollar die Krankheit ohnehin kaum besiegen, so Wyman. Zum Vergleich erklärt der Wirtschaftsdozent, dass alleine für die Pfl ege von Alzheimer-Patienten in den USA jährlich 214 Milliarden US-Dollar ausgegeben werden. In die Grundlagenforschung über Alzheimer investiert man etwa 500 Millionen US-Dollar; für die Forschung über AIDS seien es sogar mehr als 3 Milliarden, so Ken Wyman. Es wird also Zeit aufzuwachen, liebe Facebook-Gemeinde. Es geht vielen doch längst nicht mehr darum über Amyotrophe Lateralsklerose aufzuklären oder auf diese Krankheit aufmerksam zu machen, sondern darum so spektakulär wie möglich Likes zu sammeln. Etwas weniger Selbstdarstellung, etwas weniger Narzissmus und definitiv etwas weniger Versessenheit auf die Anzahl der Likes, die man bekommt. Was die Aktion nun dringend benötigt, um ihre gute Absicht aufrechtzuhalten, ist mehr Information sowie tatsächliche, dauerhafte Spendenbereitschaft. (km) // Foto: © slgckgc

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