Macht Religion glücklich?

Positiver Zusammenhang zwischen Religiosität und Lebenszufriedenheit: „Es ist unmöglich, dass ein Mensch ohne Religion seines Lebens froh werde.“ – Immanuel Kant (1799)

BildDieser Aussage, die Kant Ende des 18.Jahrhunderts traf, würden heute wohl nur noch wenige Menschen zustimmen. Religion ist in unserer Gesellschaft kein fester Bestandteil des Lebens mehr. So nimmt die Anzahl der Kirchenmitglieder seit den 1950er Jahren stetig ab. Gehörten 1950 noch mehr als 90% der Deutschen entweder der römisch-katholischen oder der evangelischen Kirche an, waren 2008 mehr als ein Drittel der Bundesbürger konfessionsfrei. Gründe für die Austritte sind vor allem die Unzufriedenheit mit der Institution Kirche und die Kirchensteuer, aber auch häufig der fehlende Glaube an Gott. Gerade die jüngeren Generationen stufen sich selbst als weniger religiös ein als die Älteren. Auch christliche Traditionen und Sakramente, wie zum Beispiel eine Beerdigung durch die Kirche oder eine kirchliche Trauung werden seltener in Anspruch genommen. Trotzdem scheint aber der Glaube an Gott nicht plötzlich verschwunden zu sein. Die meisten Deutschen, besonders in den alten Bundesländern, glauben an eine höhere Macht oder sind sich unsicher, was sie glauben sollen. Es scheint, als suchen viele nach einem Sinn, etwas, an das sie glauben können, trotz der Unzufriedenheit mit der Kirche. So entsteht eine „neue Spiritualität“, eine Sinnsuche, in der jeder für sich selbst seine eigene Religion finden kann. Viele entspannen sich mit Yoga und Meditation, lesen jede Woche ihr Horoskop oder kaufen alternative Heilmittel der Ordensschwester Hildegard von Bingen, und stellen sich somit ihre eigene Form der Religion zusammen.

Merkel beklagt Sinnkrise
Diese Suche nach dem „Mehr“ im Leben, nach Harmonie und Erfüllung ist Ausdruck einer Gesellschaft, die immer mehr nach Leistung, Geld und Status strebt. Wie Bundeskanzlerin Angela Merkel auf dem 30. Evangelischen Kirchentag beklagte, stecken die Deutschen in einer „tiefgreifenden Sinnkrise“. Hier kann man sehen, dass Geld und Status allein nicht unbedingt glücklich machen. So ist zum Beispiel ein Lottogewinner nach seinem Gewinn für kurze Zeit sehr glücklich, aber bald pendelt sich die Zufriedenheit wieder auf dem ursprünglichen Niveau ein, materieller Wohlstand trägt also nur partiell zur Lebenszufriedenheit bei. Das zeigt sich zum Beispiel auch daran, dass 7% der Deutschen vom Burn-Out-Syndrom, also enorme Erschöpfung durch die Arbeit, betroffen sind und die Zahl der Krankheitstage durch dieses Syndrom kontinuierlich ansteigt. Doch kann Religion, oder eine andere Form der Spiritualität, diese Probleme lösen und glücklicher machen? Hierzu gibt es eine Reihe psychologischer Studien. Wichtig ist, dass die Sozialpsychologie keine Aussage treffen will, ob die Glaubenssätze richtig oder falsch sind – es geht nur um die psychologischen Auswirkungen der verschiedenen Religionen. Insgesamt zeigt sich hier meist ein positiver Zusammenhang zwischen der Religiosität/Spiritualität und der Lebenszufriedenheit. Es gibt aber einen entscheidenden Faktor, der bestimmt, ob die eigene Spiritualität wirklich glücklich macht. Forscher unterscheiden hier zwischen der intrinsischen (inneren) und der extrinsischen (äußeren) Religiosität. Ist ein Mensch intrinsisch spirituell, identifiziert er sich mit seinem Glauben und lebt diesen aus, z.B. durch Beten, Gottesdiensten, Meditation, etc. Ein extrinsisch religiöser Mensch dagegen sieht den Glauben als Wert, der den eigenen Zielen nützt. Natürlich bringt der Besuch einer Kirche noch anderes mit sich, als nur die Ausübung der eigenen Religion: Geselligkeit zum Beispiel, Ablenkung vom Alltag, eventuell der Gewinn von Status und Ansehen in der eigenen Gemeinde- alles Gründe, die zur Spiritualität führen können. Doch es liegt nahe, dass diese „erzwungene“ Art von Religiosität nicht unbedingt glücklicher macht. Und wie die Sozialpsychologie zeigt, ist genau das der Fall. Nur wenn der Glaube auch wirklich in den Alltag miteinbezogen wird, macht er zufriedener. Auch andere Faktoren spielen eine Rolle: Zum Beispiel ist in Ländern mit schlechteren Lebensbedingungen der Einfluss der Religion auf die Zufriedenheit höher – vermutlich, weil es besonders in schwierigen Situationen tröstlich sein kann, sich auf den Glauben zu verlassen. Ob Religion wirklich glücklich macht, ist also immer eine Frage der Einstellung und der Lebensumstände. Sicher ist bloß: Einen höheren Sinn im Leben zu suchen als Geld und Macht ist gut und gesund – was das ist, muss wohl jeder für sich selbst herausfinden. Text: Anna Rüppel

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