Die elektronische Gesundheitskarte – Vorteile und Risiken

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Mitte des Jahres 2013 erhielten die meisten gesetzlich Krankenversicherten die Aufforderung ihrer Krankenkasse ein Foto für eine neue elektronische Gesundheitskarte einzusenden: Neben einem Lichtbild sei auch ein Chip auf der Karte, auf dem alle Daten des Versicherten gespeichert werden. Neben der ganzen Krankenakte inklusive Krankengeschichte sollten auf dem Chip vor allem Allergien des Patienten sowie die von ihm bereits eingenommenen Medikamente erwähnt werden. Auf diese Weise versprach man sich größeren Überblick und somit auch eine bessere Behandlung des Patienten. Besonders bei einem Arztwechsel sei hier der bürokratische Aufwand deutlich geringer.

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Ab dem 01. Januar 2015 haben die alten Krankenversichertenkarten ihre Gültigkeit verloren – unabhängig vom Ablaufdatum, so die Krankenkassen. So waren zum Jahresanfang 2015 nach einer Vereinbarung des Spitzenverbands der Krankenkassen (GKV) und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) nur noch die neuen Karten für den Arztbesuch gültig. Auf diese Weise wollte man den Versicherten dazu drängen, die neue Karte mit Lichtbild und Chip schneller anzunehmen.

Doch bereits mit den ersten Lichtbildern auf den neuen elektronischen Krankenkarten kamen auch die ersten Schwierigkeiten: Eigentlich sind alle bereits ausgeteilten Karten ungültig und rechtswidrig, da die Krankenkassen nicht geprüft haben, ob das eingeschickte Lichtbild wirklich den Inhaber der Karte zeigt, so die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV). So sind einige Karten mit den Bildern von Hollywood-Stars wie Brad Pitt oder Lady Gaga im Umlauf gewesen, da sich einige Versicherte einen Spaß erlaubt haben. Tatsächlich wurden laut Datenschutzportal unwatched.org auch Karten mit dem Lichtbild von dem maskierten Star-Wars-Schurken Darth Vader oder der gezeichneten Comicfigur Mickey Mouse gefunden. Die Krankenkassen haben diese Karten erst nach Monaten entdeckt und aus dem Verkehr gezogen.

Mittlerweile haben über 95% der gesetzlich Versicherten die neue Gesundheitskarte mit Lichtbild und Chip. Doch Datenschutz-Experten warnen: Das größte Risiko der elektronischen Patientenakte ist das Speichern der sensiblen Daten auf zentralen Servern. Die Daten auf der Karte sind gar nicht das Problem, es ist eher die Tatsache wer Zugang zu diesen Daten hat. Die Karte soll auch als Zugang und Schlüssel zu allen mit dem Patienten verbundenen Krankenakten dienen: Verliert man die Karte, verliert man somit auch den Schlüssel zu einer Sammlung aller Dokumente bei Ärzten, Krankenhäusern, Therapeuten und allen medizinischen Institutionen, die man in den letzten Jahren wahrgenommen hat.

In Österreich versucht man ebenso seit einigen Jahren die elektronische Gesundheitskarte zu etablieren. Die härtesten Kritiker und Gegner dieses Projekts sprechen immer wieder von der mangelnden Sicherheit der Karte – nicht zuletzt nachdem Ärzte massenhaft Patientendaten an die US-amerikanische Pharmafirma IMS Health verkauften. Teil dieser verkauften Daten waren neben den Standarddaten wie die Patientennummer, das Geschlecht sowie das Geburtsjahr auch Informationen über Diagnosen und Therapien, alle erhobenen Laborwerte und die Dosierung der verschriebenen Medikamente sowie Informationen über Überweisungen an andere Ärzte. Das Datenschutzportal unwatched.org berichtet bereits seit einer langen Zeit über ähnliche Vorfälle europaweit; meist aus Ländern in denen die elektronische Gesundheitskarte bereits etabliert ist.

Im Fazit ist zu sagen, dass die neue, elektronische Gesundheitskarte stark polarisiert. Das Speichern der Daten des Versicherten bringt deutliche Vorteile, aber auch sehr große Risiken mit sich: Die Behandlung eines Patienten kann bei sofortiger Einsicht in die Krankenakte und Krankengeschichte tatsächlich besser funktionieren. Ärzte können besser auf Allergien oder bereits eingenommene Medikamente eingehen – besonders bei Nichtansprechbarkeit des Patienten können solche Informationen sehr wichtig sein. Ebenso bei einem Arztwechsel oder einer Erstvisite bei einem Spezialisten kann die Behandlung schneller funktionieren, da der Patient seine Akte praktisch selbst mitbringt und man langwierigen, bürokratischen Aufwand umgeht.

Als hohes Risiko ist allerdings die mangelnde Sicherheit der Daten anzusehen: Zu viele Unbefugte wie Arbeitnehmer, Versicherer, Datensammler sowie die Pharmaindustrie können momentan Zugriff zu den vertraulichen Daten erlangen. Besonders die Manipulation und eine kommerzielle Nutzung der Daten sind die größten, aktuellen Probleme. Hier muss man abwarten, ob sich das System der elektronischen Gesundheitskarte von diesen gefährlichen Kinderkrankheiten erholen kann. (km)

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