Interview mit Gerhard Kolarczyk – einem Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs

Bild„Montecassino war am Schlimmsten“
Das Ende des Zweiten Weltkriegs jährt sich am 8. Mai genau zum 70. Mal. Entsprechend gibt es auch immer weniger Zeitzeugen, die über diesen schrecklichen Krieg berichten können. Heimatmagazin Untermain hat einen Zeitzeugen aus der Region interviewt, der als junger Mann eingezogen wurde, und gezwungenermaßen im Krieg und in den Jahren danach viele Länder Europas kennengelernt hat. Vor wenigen Monaten konnte der aus Oberschlesien stammende und seit vielen Jahren in Aschaffenburg lebende Gerhard Kolarczyk seinen 90. Geburtstag feiern.

Herr Kolarczyk, wann und wo wurden Sie geboren?
Ich wurde am 19. Dezember 1924 in Janken in Oberschlesien geboren. Dort bin ich aufgewachsen und habe da auch bis 1942 gelebt. Wir waren zehn Kinder, ich habe sieben Schwestern und zwei Brüder. Mit 15 Jahren habe ich bei der Fahrkartenausgabe der Reichsbahn angefangen, zu arbeiten, bis ich dann 1942 einberufen wurde.

Wie war das vor dem Krieg? Wie sind Sie aufgewachsen?
Wir hatten eine gute Zeit, obwohl das Leben im Dorf manchmal sehr schwer war .Fast alle im Dorf waren Bauern, aber es gab keine Traktoren wie heute, sondern nur Pferde und Kühe. Meine Familie hatte keine Landwirtschaft. Wir hatten nur von der Kirche ein Stück Acker gepachtet. Wir Kinder und Jugendlichen haben keinen Fußball gespielt, nur Schlagball und Handball. Mein Vater war 1958 auf Urlaub hier in Deutschland und ist gleich geblieben. 1959 kam meine Mutter dann nach.

Wie haben Sie den Ausbruch des Kriegs erlebt?
Wir hatten zuhause einen Volksempfänger. (Anmerkung der Redaktion für die jüngeren Leser: Volksempfänger war ein Radio) Damit haben wir die neuesten Nachrichten gehört. Als Deutschland die Niederlande, Belgien und Frankreich angegriffen und schnell erobert wurden, waren alle Kinder wie auch die Erwachsenen begeistert. Ich denke, das war auch wegen der Niederlage im 1. Weltkrieg so. Ich selbst kam dann zum Jungvolk, das war mit zehn Jahren Pflicht, da musste man hin. Danach habe ich bei der Bahn gearbeitet, bis ich dann eingezogen wurde. Da war ich noch keine 18 Jahre alt.

Hatten Sie damit gerechnet, dass es Krieg gibt?
Nein, zunächst nicht. Doch als deutsche Soldaten bei uns im Dorf einquartiert wurden, haben diese vom geplanten Einmarsch in Polen berichtet. Den Krieg in Frankreich, Belgien, und Holland haben wir in Oberschlesien dann gar nicht mitbekommen

Was ist dann passiert?
1942 wurde ich eingezogen. In Ratibor, Oberschlesien, wurden wir in der Kaserne registriert. Dann kamen wir nach Metz in Frankreich. In dieser Kaserne war ich ein Jahr. Von dort aus wurden wir in die Nähe von Paris verlegt. Dort waren wir wieder ein Jahr. Dann kam der Umsturz in Italien. Daraufhin wurde ich selbst nach Italien verlegt. Im September 1943 verbrachte ich drei Wochen Urlaub in Janken, danach musste ich wieder zurück nach Italien, zuerst nach Genua, dann nach Piacenza, wo der Umsturz stattfand. In Italien musste ich mich bei den Feldjägern melden. Hauptquartier unserer Division war Frosinone. Ich war bei der 94. Infanteriedivision und als Funker den Fallschirmjägern unterstellt. Funker mussten bis ans Ende der Welt gehen, das war eine sehr gefährliche Aufgabe.

Was haben Sie im Krieg erlebt?
Ich habe die erste Schlacht von Montecassino im Jahr 1944 miterlebt. Das war eine der längsten und blutigsten Schlachten des Zweiten Weltkriegs. Danach hat man von Montecassino nichts mehr gesehen, alles wurde dem Boden gleich gemacht. Ich kam dann als vorgeschobener Beobachter nach Scauri, an der Via Appia . Dort mussten wir den Feind abhalten. Einmal wurde ich auch verwundet. Nach einem Feuerüberfall mit Granatwerfern hatte ich ein Schrapnell im Oberschenkel. Mein Kumpel wurde schwer am Kopf verletzt, aber er überlebte nach sechs Monaten Aufenthalt im Krankenhaus. Das schlimmste war aber Montecassino.

Wie haben Sie dann das Kriegsende erlebt?
Für uns war der Krieg zu Ende, als wir 1945 mit der Fähre den Po überquert haben. Auf der anderen Seite sind wir dann noch bis nach Verona marschiert. Dann kamen die Amerikaner, sagten der Krieg ist zu Ende, und wir mussten unsere Waffen abgeben. Sie haben uns daraufhin in ein Gefangenenlager mit 50.000 Mitgefangenen nach Rimini gebracht.

Wie war das dann in der Gefangenschaft ?
Bei den Amerikanern war es nicht so besonders. Wir haben nur ein Verpflegungspäckchen für die ganze Woche bekommen und viel Kohldampf geschoben – wie auch teilweise im Krieg. Bei den Engländern war es besser, da haben wir jeden Tag Ration bekommen. In diesem Lager haben die Amerikaner und Engländer Leute gesucht, die im Wald Bäume fällen. Dafür habe ich mich gemeldet. Dann kam ich nach Bari ins Verpflegungslager. Dort wurde die Verpflegung ausgeladen und gestapelt. In diesem Lager konnten wir essen, was das Herz begehrt. Schließlich kamen wir in ein Lager nach Süditalien; von dort aus konnten wir bis nach Sizilien schauen.

Wie und wann endete dann die Kriegsgefangenschaft?
Nach einem Jahr im Verpflegungslager kam ich wieder zurück nach Rimini und von dort wurden wir zu einem großen Truppenübungsplatz in Deutschland gebracht. 1946 kam ich nach England in Kriegsgefangenschaft, wo ich zwei Jahre bei Bauern arbeiten musste. Am 20. April 1948 wurde ich aus der Kriegsgefangenschaft entlassen. Bei der Überreichung der Entlassungspapiere fragte der englische Polizeichef, was für ein Tag heute sei. Wir sagten, der Tag unserer Entlassung. Daraufhin sagte er: Heute ist Hitlers Geburtstag, wisst ihr das nicht?

Wie erging es ihrer Familie?
Alle meine Geschwister haben den Krieg überlebt. Meine Eltern gingen Ende der fünfziger Jahre nach Aschaffenburg. Meine ganze Familie lebt hier in der Gegend um Aschaffenburg. Ein einziges Mal war ich wieder in meiner alten Heimat. Nachdem ich 1988 in Rente gegangen war, bin ich mit vier meiner Geschwister in mein Heimatdorf gefahren. Dort war vieles verfallen und in einem schlimmen Zustand. Danach haben wir beschlossen, dass uns hier keiner mehr sieht.

Wie und wo haben Sie ihre Frau kennengelernt, die aus Schottland stammt?
Ich war in einem Lager in der Nähe von Cambridge, in Trumpington. Derjenige, der in England bleiben wollte, konnte bleiben, musste sich aber verpflichten zwei Jahre bei Bauern zu arbeiten. So kam ich nach Schottland in die Nähe von Dundee in ein Lager. Mit LKWs wurden wir zu den Bauern gefahren. In Dundee gab es einen großen Tanzsaal, in dem jeden Sonntagnachmittag eine Kapelle gespielt hat. Obwohl ich damals ein miserables Englisch gesprochen habe, lernte ich dort Ende 1948 meine spätere Frau, Alice, kennen. 1951 haben wir geheiratet.

Wie kamen Sie schließlich nach Aschaffenburg?
Nach unserer Hochzeit bin ich noch drei Jahre bei dem Bauern in Schottland geblieben. Dann sind wir in die Stadt, nach Dundee gezogen. Dort habe ich vier Jahre in einer Teppichfabrik gearbeitet. Nachdem dann meine Abteilung in der Teppichfabrik geschlossen wurde, habe ich mich bei der Stadt Dundee als Gärtner beworben. 1954 kam ich das erste Mal nach dem Krieg wieder nach Deutschland. Wir haben dort bei meiner Schwester Urlaub gemacht. Dann gingen wir wieder zurück nach Schottland. 1960 kamen wir wieder, diesmal nach Hannover, wo ich mich bei der Reichsbahndirektion als Zugschaffner beworben habe. Mit 39 Jahren war ich dafür aber schon zu alt. Deshalb musste ich auf der Strecke Steine klopfen. 1966 ging ich dann für immer nach Deutschland. Zunächst habe ich in Aschaffenburg bei der Firma Aulbach gearbeitet und das Aschaffenburger Schloss mit wiederaufgebaut. Danach ging ich zum Lenkradwerk Petri wo ich bis zu meiner Pensionierung 23 Jahre lang angestellt war.

Was war für Sie das Schlimmste am Krieg?
Das Schlimmste war die Schlacht um Montecassino. 1990 bin ich mit einem Bus der Kriegsgräberfürsorge nach Italien gefahren. Wir haben dort das Kloster besichtigt, das die Amerikaner zwei Monate nach Kriegsende wieder aufgebaut haben. In Cassino liegen rund 25.000 Deutsche begraben. Von den Alliierten haben dort rund 55.000 Soldaten ihr Leben gelassen. So etwas möchte ich nicht wieder erleben und wünsche es auch niemand anderem.

Lieber Herr Kolarczyk, vielen Dank für das interessante Interview. (Christiane Schmidt-Rüppel)

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