Michael Degen: Nicht alle waren Mörder – eine Kindheit in Berlin

BildEin sehr lesenswertes Buch über eine ergreifende Lebensgeschichte
Am 8. Mai 2015 ist das Ende des Zweiten Weltkriegs bereits 70 Jahre her. Mithin droht mit der Zeit die Erinnerung an diesen schlimmen Krieg und den Holocaust zu verblassen. Gut, dass es solch ergreifende und anschauliche Bücher wie das vom bekannten Schauspieler Michael Degen gibt. Der 1932 geborene Degen schrieb erst 1998 seine Kindheitserinnerungen innerhalb von drei Monaten nieder. „Nicht alle waren Mörder – eine Kindheit in Berlin“ erzählt wie der aus einer jüdischen Familie stammende elfjährige Michael mit seiner Mutter 1943 in Berlin in den Untergrund gehen muss, um nicht in ein Konzentrationslager zu kommen bzw. von den Nazis ermordet zu werden. Durch die Hilfe vieler Deutscher – u.a. Freunde, Nutten, Emigranten und Kommunisten wie Degen im Buch selbst schreibt – gelingt es Mutter Anna und Michael Degen unter widrigsten Umständen den Krieg und den Holocaust zu überleben. Das sehr lesenswerte und sprachlich überzeugende Buch ist so eindringlich und interessant, dass man es geradezu verschlingt. Diese Autobiographie lässt niemanden unberührt.

BildVater wurde umgebracht
Das Buch beschreibt die Grausamkeit des Holocausts. Die Nationalsozialisten brachten Degens Vater ins Konzentrationslager Sachsenhausen, wo sie ihn so brutal misshandelten, dass er danach starb. Zum Glück gelang es Degens vier Jahre älteren Bruder Adolf (Adi) im Winter 1939/1940 über Dänemark und Schweden nach Palästina zu fliehen. Die Mutter Anna und ihr elfjähriger Sohn Michael mussten dann 1943 in den Untergrund gehen, um nicht in ein Konzentrationslager abtransportiert zu werden, was mit großer Wahrscheinlichkeit den Tod bedeutet hätte. Mutter und Sohn überlebten mit viel Glück in Gartenlauben und geheimen Wohnungen den Naziterror und die Bombenangriffe auf Berlin. Dies gelang ihnen aber nur, weil ihnen uneigennützig von Deutschen geholfen wurde. Diese riskierten dabei ihr eigenes Leben und nicht alle der Helfer haben den Krieg überlebt.

Geschehen selbst erlebt
Das Buch ist durchweg ungemein spannend und emotional. Im Unterscheid zu fiktiven Büchern wird bei diesem autobiographischem Werk deutlich, dass der Autor alles selbst erlebt hat und sich das Erlebte vom Herzen schreibt. Nachdem der Krieg zu Ende ist, glaubt ein russischer Offizier den Erlebnissen der Degens nicht und es droht erneut Schlimmes. Schließlich habe Hitler alle Juden umgebracht, es könne keiner mehr in Berlin am Leben sein. Erst als Michael auch das jüdische Totengebet aufsagen kann, glaubt ihnen der russische Offizier. Daraufhin muss auf den Tod von Hitler getrunken werden und der Junge Michael muss reichlich Alkohol mittrinken. Besonders emotional und rührend ist der Schluss des Buches als Michael seinen Bruder Adi in Israel sucht und findet. „‘Ich habe geglaubt, du bist tot‘, stammelte er immer wieder.“ … „Nach den Eltern wagte er gar nicht zu fragen, aus Angst, er könne eine böse Nachricht erhalten. ‚Mutter ist noch am Leben‘, sagte ich ihm später.“ (wrü) // Foto1: © List-Verlag // Foto2: © Erika Fernschild

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