Erste Hilfe in Notlagen: Über physische und psychische Ersthilfe

In unserem schnelllebigen Alltag kann man schon des Öfteren den Kopf verlieren: Konzentration ist Mangelware. Sei es beim Kochen, Basteln, beim Spielen mit den Kindern oder dem Hund, der Gartenarbeit oder beim Hausputz: Ein unachtsames Missgeschick passiert schneller als man sich umsehen kann. Doch was tun wenn aus einem kleinen Missgeschick ein ernsthafter Notfall wird?

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Kein journalistischer Text kann einen Erste-Hilfe-Kurs oder gar praktische Übungen in Erster Hilfe ersetzten. So versuchen wir Ihnen nur einen Überblick zu präsentieren, wie Sie Ihre Kenntnisse auffrischen können. Die effektivste Vorbereitung für den Ernstfall ist der Erste-Hilfe-Kurs. Jeder Bürger, der im deutschsprachigen Raum seinen Führerschein gemacht hat, musste den „Kurs für lebensrettende Sofortmaßnahmen am Unfallort“ als Pflichtprogramm absolvieren. Hier herrscht der allgemeine Irrglaube, dieser Kurs sei mit dem Erste-Hilfe-Kurs gleichzusetzen. Zwar ist dieser Kurs für den Führerschein ausreichend, allerdings vermittelt man hier nur das Grundwissen für medizinische Notfälle, die im Straßenverkehr vorkommen können. Ein Erste-Hilfe-Kurs bereitet Sie in 16 Lerneinheiten auf Notfälle aller Art vor und ist 2 Jahre lang gültig. Experten raten nach 2 Jahren zu einer Auffrischung von 8 Lerneinheiten. Also, Hand auf’s Herz: Wie viel Zeit ist seit Ihrem letzten Erste-Hilfe-Kurs vergangen? Fühlen Sie sich immer noch in der Lage einem Menschen in Notlage effektiv in kürzester Zeit zu helfen?

Wenn Sie nicht sofort und genau antworten können, wann Sie den Kurs absolviert haben, ist es allerhöchste Zeit Ihr Erste-Hilfe-Wissen aufzufrischen. Das Rote Kreuz, die Johanniter, die Malteser sowie zahlreiche andere Rettungsorganisationen bieten Kurse in erster Hilfe an. Hier werden Wissenslücken geschlossen und mit Hilfe von nachgestellten Situationen die praktische Umsetzung des gelernten Wissens geübt. Seit einer Systemreform der klassischen Erste-Hilfe-Ausbildung im April 2015, liegt die praktische Übung mehr im Fokus der Kurse. Christoph Meuer, seit drei Jahren Ausbildungsleiter bei den Maltesern, erklärt im Interview: „Die ausbildenden Organisationen […] haben sich intensiv mit aktuellen medizinischen und pädagogischen Studien auseinandergesetzt. Das Ergebnis ist eine Ausbildung, die sich viel stärker am Teilnehmer orientiert, wo immer möglich auf unnötige Hintergrundinformationen verzichtet und das praktische Tun in den Vordergrund stellt. Die Teilnehmer werden mit ihren eigenen Erfahrungen viel stärker in die Kurse eingebunden und bestimmen somit ein gutes Stück mit, was sie besprechen möchten.“ Durch die Praxisbezogenheit verlieren die Teilnehmer Ängste und Unsicherheiten, die im Notfall eine richtige Hilfestellung behindern können.

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Der richtige Notruf
Nachdem Sie als erste Person an einem Unfallort angekommen sind, rufen Sie die Notrufnummer 112 und schildern Sie den Unfall. Hier helfen die fünf W-Fragen die Notrufzentrale auf effektivsten Weg zu informieren:

  • Wo ist es passiert? (z. B. „B8 auf Höhe der Autobahnauffahrt zur A3.“)
  • Was ist passiert? (z. B. „Schwerer Autounfall“)
  • Wieviele verletzte Personen? (z. B. „Zwei Personen. Keine Kinder)
  • Welche Verletzungen haben diese Personen? (z. B. „Platzwunden, starke Blutungen“)
  • Warten auf Rückfragen seitens der Notrufzentrale

Bis professionelle Helfer eintreffen, bekommen Sie als Ersthelfer telefonische Unterstützung. So müssen Sie einfach nur gut zuhören, Ruhe bewahren und den Anweisungen Folge leisten.

Die psychische Ersthilfe
Die physischen Erst-Hilfe-Maßnahmen sind allerdings nur die halbe Miete: Um den Stress des Verletzen so gering wie möglich zu halten, ist es wichtig hier auf die Person einzugehen und mentale Unterstützung zu leisten. Experten sprechen hier von der „psychischen Ersthilfe“: Am Institut für Psychologie der Universität Dortmund wurden unter Leitung von Professor Frank Lasogga und Professor Bernd Gasch Tausende Ersthelfer, professionelle Sanitäter, Retter und Opfer befragt, um einen Leitfaden der „Psychischen Ersthilfe“ zu erstellen.

Regel 1: Präsenz.
Wenn Sie als erste Person am Verletzten ankommen, ist es wichtig präsent zu sein und dem Verletzten ein Gefühl der Sicherheit zu geben. Der Verletzte soll spüren und verstehen, dass er die Notsituation nicht alleine überstehen muss. Die Befragung der Opfer ergab, dass bereits der Satz „Ich bleibe bei Ihnen, bis der Krankenwagen kommt“ sowie die Information über die bereits vorgenommenen Maßnahmen z.B. „Der Arzt ist auf dem Weg“, den Stresslevel des Verletzten erheblich absenkt.

Regel 2: Sichtschutz.
In der Opfer-Befragung des Instituts für Psychologie der Universität Dortmund wurde besonders deutlich, dass neugierige Blicke durch andere Menschen einem Großteil der Verletzten unangenehm war. Weisen Sie Schaulustige freundlich, aber bestimmt zurück. Immer wieder passiert es, dass Zuschauer durch unnötige Ratschläge, hektisches Reden und teilweise durch das Fotografieren des Unfalls für Unruhe sorgen. In diesem Fall ist es wichtig Aufgaben zu verteilen, wie z.B. „Schauen Sie bitte, ob die Unfallstelle abgesichert ist.“ oder: „Halten Sie bitte die Zuschauer auf Distanz, und sorgen Sie für Ruhe!“ – Durch diesen einfachen Trick wandelt sich der störende Schaulustige selbst in eine helfende Kraft.

Regel 3: Körperkontakt.
Auch wenn im Alltag viele Menschen den Körperkontakt durch Fremde scheuen, ergab die Befragung, dass leichter körperlicher Kontakt von Verletzten als angenehm und beruhigend empfunden wird. Durch das Halten der Hand, Schulter oder Rückenpartie des Betroffenen wird ein Gefühl der Geborgenheit und des sicheren Halts empfunden. Berührungen am Kopf sowie insbesondere an dem verletzten Körperteil wurden hingegen als unangenehm empfunden und sind somit nicht zu empfehlen. Zudem ist es wichtig, sich körperlich auf die gleiche Höhe wie der Verletzte zu begeben. Setzen oder knien Sie sich neben den Verletzten hin und bewegen Sie sich flüssig; ohne hektische, ruckartige Bewegungen.

Regel 4: Kommunikation.
Auch wenn man durch Körpersprache den Verletzten beruhigen kann, ist die verbale Kommunikation allerdings das wichtigste bei der „psychischen Ersthilfe“: Sprechen Sie langsam, deutlich und in einem ruhigen Tonfall. Redet der Verletzte, so ist es wichtig geduldig zuzuhören, um die gewonnen Informationen später an die professionellen Helfer weiterzugeben. Wichtig ist es Vorwürfe und ein zu starkes Bemitleiden des Betroffenen zu vermeiden („Warum sind Sie so schnell gefahren? Das war so unüberlegt! Jetzt sind Sie wirklich arm dran!“). Die Regeln der „psychischen Ersthilfe“ sind in Kombination mit dem Wissen und den Fähigkeiten, die Sie in einem Erste-Hilfe-Kurs erlernen eine sehr gute Grundlage für das richtige Verhalten in einer Notsituation. (km)

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