Interview mit dem Vorsitzenden des Spessartbunds Dr. Gerrit Himmelsbach

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Bild„Unser Spessart bietet ausgezeichnete Wanderwege“: Dr. Gerrit Himmelsbach ist Historiker und Archäologe. Über seinen Arbeitgeber, dem Archäologischen Spessartprojekt, (ASP) kam er 2002 zum Spessartbund. Seit 2006 ist der heute 48-jährige Vorsitzender des Spessartbunds. Zudem hat er einen Lehrauftrag an der Uni Würzburg und unterrichtet am Hans-Seidel-Gymnasium in Hösbach das Fach Archäologie. Um mehr über die Arbeit des Spessartbundes zu erfahren, haben wir Gerrit Himmelsbach zum Interview in Aschaffenburg getroffen.

Herr Dr. Himmelsbach, seit wann gibt es den Spessartbund?
Den Spessartbund gibt es bereits seit 1913. Mit der Industrialisierung hat sich das Freizeitverhalten der Menschen verändert, das Laufen in der Natur wurde als Ausgleich zum anstrengenden Alltag gesehen, nach der harten Arbeit ging es raus ins Grüne; so wurden die ersten Wandervereine gegründet. Da sich die Menschen damals beim Wandern oft verlaufen haben, mussten gute Wegemarkierungen her Der älteste Wanderverein der Region wurde 1876 in Alzenau gegründet. Auch die Würzburger und Frankfurter Vereine sind sehr alt, es gibt sie schon seit den 1880er Jahren. Vor der Gründung des Spessartbundes gab es Rivalitäten zwischen den beiden großen Blöcken Bayern mit dem Stammclub Aschaffenburg und Preußen mit dem Stammclub in Frankfurt. Professor Friedrich Rausenberger hat es geschafft, dass sie sich in Hanau treffen und verhandeln. So wurde am 26.01.1913 der Spessartbund gegründet.

Was sind die Aufgaben des Spessartbundes, auch über das Wandern hinaus?
Das erste Ziel ist es, die Wegemarkierungen im Spessart abzustimmen und zu aktualisieren. Zweites Ziel ist eine übergreifende Jugendarbeit. Seit dem ersten „Geishöh-Fest“ 1913 sind immer mehr Aufgaben und Ziele dazugekommen. Das ist zum einen die Förderung des Wanderns und der Wanderangebote, wandern ist nicht mehr wie früher, es ist zielgruppenorientierter geworden. Es gibt Sportwandern, Gesundheitswandern, Seniorenwandern, Powerwandern und Themenwanderungen. Darüber hinaus ist die Förderung der Kulturarbeit ein wichtiges Ziel. Dazu gehört die Heimatforschung, z.B. das Untersuchen von alten Texten, das Restaurieren von Bildstöcken, aber auch selbst neue Kulturdenkmale kennenzulernen und Kulturfahrten .Nicht zu vergessen ist unser Mandolinenorchester. Die dritte neue Aufgabe ist die Naturschutzarbeit. Bei großen Projekten wie Autobahnverbreiterungen müssen wir als anerkannter Naturschutzverband auch gehört werden. Die Ortsgruppen machen Biotoppflege, bauen Vogelhäuschen und bringen sich ein. Alle Bereiche haben einmal im Jahr eine große Fachtagung. Außerdem gibt es mit dem Bundesfest, dem Totengedenken am Pollasch und der Vertreterversammlung – das ist die vereinsmäßig vorgeschriebene Versammlung im November – drei große Hauptveranstaltungen.

Welche Angebote bieten Sie? Wie sieht es mit dem Nachwuchs aus? Ist Wandern bei der Jugend überhaupt noch in?
Es gibt ca. 1000 organisierte Aktive in der Wanderjugend. Wandern ist also sehr aktuell, nur das Umfeld hat sich verändert. Es gibt Geocaching-Angebote, klassische Kinderzeltlager und wir beteiligen uns u.a. am Fest „Brüderschaft der Völker“. In der Jugendarbeit haben wir einen Schwerpunkt „Natur“ und einen Schwerpunkt „Stadt“. Außerdem beteiligen wir uns an dem Programm „fair.stark.miteinander.“, einem Verhaltenskodex für eigens ausgebildete Vertrauenspersonen, das dazu dient, die anvertrauten Kinder und Jugendlichen zu stärken und vor psychischer und physischer Gewalt zu schützen. Wandern ist übrigens wieder stark im Kommen und ist durch die Gruppe mit anderen auch für Jugendliche interessant.

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Spessartblick (© Spessartbund)


Wie viele Mitglieder haben Sie? Wie viele Ortsvereine gibt es? Decken Sie auch den hessischen Spessart ab?
Wir haben 100 Gruppen mit insgesamt 15.000 Mitgliedern. Der Spessartbund ist der Dachverband. In den 100 Ortsvereinen gibt es einen stetigen Wechsel. Wie die Gesellschaft selbst, stehen auch die Vereine mitten im Strukturwandel. Viele Vereine sind überaltert, Mitglieder fallen weg, neue kommen hinzu. Der hessische Spessart ist natürlich dabei, auch zwei Vereine in Tauberbischofsheim und Lauda in Baden–Württemberg. Unserer Dachorganisation sind auch viele Vereine außerhalb des Spessarts angeschlossen.

Was machen die Ortsgruppen Frankfurt und Würzburg?
Im städtischen Umfeld ist es ein bisschen anders. Frankfurt bietet zum Beispiel Kulturführungen an. Die Teilnehmer haben viele Möglichkeiten, den städtischen Nahverkehr zu nutzen. Die Generation 50 plus ist dabei stark vertreten. Die Würzburger bieten regelmäßige Mittwochswanderungen an .Dort liegt der Schwerpunkt bei den Senioren.

Der Spessartbund ist ein eingetragener Verein. Ist die Arbeit vor allem ehrenamtlich? Welche Aufgaben stehen überhaupt an?
Es gibt eine halbe Stelle für die Verwaltungsarbeit in der Geschäftsstelle, sonst wird alles durch ehrenamtliche Mitarbeiter abgedeckt. 2017 versuchen wir die Struktur des Verbandes zu aktualisieren, es ist angedacht, die Anzahl der Vorstände von drei auf zehn zu verbreitern. Die Anforderungen der Behörden kosten eine Menge Zeit und Energie, die Arbeit ist auch anstrengend und muss auf mehreren Schultern verteilt werden. Für 2018 wird gerade das Projekt „Deutscher Wandertag“ diskutiert.

Was ist für Sie das Besondere am Spessart? Was macht ihn so einzigartig?
Durch sein ganz besonderes Relief, entstanden aus einer großen Buntsandsteinplatte, hat man beim Wandern das Gefühl, durch ein unendliches Meer von Wald zu gehen. Auch ein Wintertag im Wald ist wunderschön.

Wie gut sind die Wanderwege im Spessart?
Seit 2006 wird das 5.500 Kilometer lange Wegenetz im Spessart einmal jährlich geprüft. Zwei Qualitätswege wurden deutschlandweit ausgezeichnet: Der Spessartweg 1 von Aschaffenburg nach Gemünden. Dieser Weg geht über 60 Kilometer, und der ebenfalls 60 Kilometer lange Spessartweg 2 von Heigenbrücken nach Stadtprozelten. Diese Wege wurden speziell ausgesucht und 2005 vom Tourismusverband Spessart-Mainland ausgezeichnet. Ungefähr 300 ehrenamtliche Mitarbeiter sorgen für die Markierungen der 5.500 Kilometer Wanderwege zwischen Frankfurt und Würzburg. Es gibt einen Wegemanager, der sich um alle Fragen bezüglich der Markierung von Wanderwegen in der Region kümmert und der die verschiedenen Bereiche koordiniert. Alles in allem bietet unser Spessart somit gute bis ausgezeichnete Wanderwege.

Wie stehen Sie zu Windkraftanlagen im Spessart?
2011 gab es eine eigene Resolution zum Thema Windkraft. Grundsätzlich bin ich dafür, aber es sollten nur wenige Anlagen sein und diese nicht verteilt, sondern praktisch als Inseln angelegt sein. Das Thema ist relativ neu in Deutschland und muss sich erst einmal einpendeln. Es muss ein Mittelweg gefunden werden. Im hessischen Naturpark ist Windkraft erlaubt, im bayerischen Spessart nicht.

Welche besondere Ereignisse und Veranstaltungen stehen dieses Jahr an?
Das Hauptereignis ist das Bundesfest am 2. Juli auf der Kippenburg. Ansonsten haben alle Fachbereiche ihre eigenen Veranstaltungen.

Sie arbeiten auch für das Archäologische Spessartprojekt ASP –was hat es damit auf sich?
Das ASP ist zuständig für die Erforschung und Erschließung der Kulturlandschaft Spessart und seiner Randlandschaften. Das ASP ist ein Institut an der Uni Würzburg und kooperiert mit dem Spessartbund. Bekannt sind die 93 europäischen Kulturwege.

Noch eine letzte Frage: Wo gefällt es Ihnen im Spessart am besten? Was ist Ihr Lieblingsort?
Ich habe nicht den einen Lieblingsort. Es gibt Orte, die sind im Winter besonders schön, und andere, wie der Hochspessart, an denen es mir im Sommer gut gefällt. Meine Lieblingsorte hängen von der Jahreszeit ab.

Lieber Herr Dr. Himmelsbach, vielen Dank für das interessante Gespräch.
Interview: Christiane Schmidt-Rüppel

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