„Gerd Müller. Der Bomber der Nation“

BildEin unterhaltsames, lesenswertes und gut recherchiertes Werk über den Ausnahmefußballer, der Tore wie am Fließband schoss

Und plötzlich war der Ball drin und Deutschland Weltmeister. Gerd Müller, aufgrund seiner vielen Treffer Bomber genannt, war wieder einmal schneller als alle Gegenspieler gewesen und erzielte bei der WM 1974 das Siegtor zum 2:1 gegen Holland. Zuvor hatte der Bomber beim berühmten Regenspiel in Frankfurt gegen Polen die Nationalmannschaft erst ins Endspiel geschossen. Im Fußball zählen Tore, Müller schoss sie und hatte eine Trefferquote wie vor und nach ihm kein anderer. 68 Treffer in 60 Länderspielen, Rekordtorschütze der Bundesliga mit bis heute unerreichten 365 Treffern, die Nummer zwei, Klaus Fischer, kommt nur auf 268. Deshalb war ein Gerd Müller für den Erfolg der deutschen Nationalmannschaft und seines Vereins Bayern München wahrscheinlich wichtiger als Libero Franz Beckenbauer oder Torwart Sepp Maier.
Viel zu früh, mit 28 Jahren, hat Gerd Müller nach dem Sieg im Endspiel 1974 seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft verkündet. Erreicht hatte er bis dahin aber schon alles: Weltmeister 1974, Europameister 1972 und EM-Torschützenkönig, unglücklicher WM-Dritter 1970 in Mexiko (nach den Jahrhundertspielen gegen England und Italien mit Müller-Treffern) und WM-Torschützenkönig.

Für Paul Breitner der Größte
Als der im November 1945 geborene Müller 1964 aus Nördlingen, wo er seinen Heimatverein zur Meisterschaft geschossen hatte, nach München zu den Bayern kam, spielten diese noch in der Regionalliga. Erst durch die Tore des Bombers wurden die ab 1965 in der Bundesliga spielenden Bayern zum nationalen und internationalen Spitzenclub. Franz Beckenbauer beschreibt das wie folgt: „Ohne die Tore vom Gerd würden wir heute immer noch in der Bretterbude an der Säbener Straße sitzen.“ Und Paul Breitner bringt die Bedeutung des Bombers auf den Punkt: „Gerd Müller ist der wichtigste und größte Fußballer, den Deutschland nach 1954 gehabt hat.“

Mit dem Verein alles erreicht
Die Bayern wurden mit Müller und dank seiner Tore 1965 Regionalligameister, 1966, 1967, 1969, 1971 DFB-Pokalsieger, 1969, 1972, 1973 und 1974 Deutscher Meister. Die Tore des Bombers sorgten auch für internationale Erfolge: 1967 Europapokal Sieger, und 1974, 1975 und 1976 Europapokalsieger der Landesmeister (dem Vorläufer der heutigen Champions League). Gerd Müller war nicht nur im Zeitraum von 1967 bis 1978 insgesamt siebenmal Torschützenkönig in der Bundesliga, sondern auch vielfach Torschützenkönig im DFB-Pokal und im Europapokal der Landesmeister. Vor allem aufgrund seiner tollen 10 Tore bei der WM in Mexiko, wurde er 1970 zu Europas Fußballer Jahres gewählt.

Gespräche mit zahlreichen Freunden
Zeitlich passend zum 70. Geburtstag des Jahrhundertstürmers Gerd Müller im November 2015 ist nun im Münchner Riva-Verlag ein 250-seitiges Werk unter dem Titel „Gerd Müller – Der Bomber der Nation“ erschienen. In der Mitte des Buches findet sich ein ansprechender Bildteil mit den Stationen des Bombers. Für die Biografie haben die beiden Autoren, die Sportjournalisten Patrick Strasser und Udo Muras, zahlreiche Interviews mit Freunden und Weggefährten Gerd Müllers geführt. Zum Beispiel u.a. mit Hermann Gerland, Uli Hoeneß, Franz Beckenbauer, Paul Breitner, Dieter Brenninger, Sepp Maier oder Franz „Bulle“ Roth. Aber auch mit Freunden und Weggefährten aus Nördlingen, die Gerd Müllers Kindheit und Jugend kennen.

Von Nördlingen bis Fort Lauderdale
Durch die ausführliche und gute Recherche ist ein spannendes Buch entstanden, das alle Stationen im Leben von Gerd Müller beleuchtet. So wird geschildert wie Müller in Nördlingen zum Fußball kam und dort bereits in der Jugend ein Tor nach dem anderen schoss. In München wurde der Torjäger aus Nördlingen, der damals 90 Kilo wog, zunächst belächelt. Aber nicht lange: Müller nahm knapp zehn Kilo ab und erzielte ein Tor um’s andere. Gerd Müller war als Fußballer übrigens weder klein noch dick. Zur Größe von 1,76 Meter kam eine gewaltige Sprungkraft. Und das Gewicht von etwa 80 Kilo war Muskelmasse, Müller war durchtrainiert, fit, schnell und ungeheuer wendig.
Dargestellt werden die Erfolge Gerd Müllers mit Bayern München und der Nationalmannschaft bis hin zum Sturz des Bayern-Denkmals als ihn Bayern-Trainer Pal Csernai am 3. Februar 1979 im Frankfurter Waldstation mitten im Spiel auswechselte. Der bodenständige, in München verwurzelte Müller floh nach Florida zu Fort Lauderdale. Schließlich kam 1981 das Karriereende und Gerd Müller, dessen Welt der Fußball war, hatte keine Aufgabe mehr, stand vor dem Nichts. Schließlich begann Müller zu trinken, ein Kapitel, welches das Buch nicht ausspart.

Trainer bei den Bayern
Freunde wie Uli Hoeneß helfen Gerd Müller und er erkennt, dass er sich helfen lassen muss. 1991 macht er erfolgreich eine Entziehungskur und trinkt nie wieder einen Tropfen Alkohol. Dann beginnt die zweite Karriere des Gerd Müller als Assistenztrainer des FC Bayern, mehr im Hintergrund, aber das war ihm, der nicht gerne in der Öffentlichkeit steht, recht. Bei der zweiten Mannschaft hat er dabei zusammen mit Hermann Gerland manch einen Weltstar wie zum Beispiel Thomas Müller oder Bastian Schweinsteiger hervorgebracht.

Eine Stärke der Biografie ist, dass auch auf das Geheimnis seines Erfolgs (die kurzen Beine, die schnelle Drehung) sowie auf den bodenständigen, warmherzigen ehrlichen und treuen Menschen Gerd Müller eingegangen wird.

Zuletzt stellt das Buch kurz und respektvoll die Leiden des Bombers dar. Denn – und das ist sehr, sehr schade – Gerd Müller leidet unter Demenz aufgrund von Alzheimer. Er kann seinen Job als Trainer bei den Bayern nicht mehr ausüben und wird inzwischen professionell betreut. Wir wünschen dem Bomber der Nation alles Gute und noch viele sonnige Stunden!! (wrü) // Foto: © Riva-Verlag – Münchner Verlagsgruppe GmbH

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