Interview mit Bruder Nicola und Schwester Paola

Interview mit Bruder Nicola und Schwester Paola von der Franziskanischen Gemeinschaft von Betanien in Aschaffenburg: „Das Besondere an unserer Gemeinschaft ist die Gastfreundschaft“

Seit drei Jahren prägen sie unser Stadtbild mit ihrer himmelblauen Kutte, die die franziskanische und marianische Spiritualität andeutet, die Brüder und Schwestern der Franziskanischen Gemeinschaft von Betanien. Die junge Ordensgemeinschaft lebt und wirkt im Kapuzinerkloster Aschaffenburg, das 2010 wegen Nachwuchsmangels vorübergehend geschlossen wurde. Dazu ein wenig Geschichte: Ungefähr im Jahr 1620 rief Kurfürst Johann Schweikard, der ja mit dem Schloss Johannisburg schon seine Sommerresidenz in Aschaffenburg hatte, die Kapuziner nach Aschaffenburg, um den katholischen Glauben aufzufrischen. Er ließ das heutige Kapuzinerkloster bauen, das bis 2010 bestand. Nachdem die letzten Kapuzinerpater das Kloster verlassen hatten, wurde es an die Diözese Würzburg verkauft und saniert. Es entstand der Wunsch, das Ordensleben in Aschaffenburg wiederherzustellen. Im Jahr 2013 war es dann soweit. Die Diözese Würzburg schickte einige junge italienische Brüder und Schwestern der 1982 von dem Kapuzinerpater Pancrazio gegründeten Franziskanischen Gemeinschaft von Betanien nach Aschaffenburg. Damals wohnten sie schon seit 2009 in Würzburg und betreuten die vier Gemeinden der italienischen Mission: Würzburg, Aschaffenburg, Schweinfurt und Lohr. Wir haben uns mit Bruder Nicola und Schwester Paola zum Gespräch im Kloster getroffen, um mehr über das Leben in der Gemeinschaft zu erfahren.

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Franziskanische Gemeinschaft


Was ist das Besondere an Ihrer Gemeinschaft?
Das ist vor allem unsere Gastfreundschaft. Unsere Gastfreundschaft lässt sich von dem biblischen Betanien inspirieren, wo Jesus mit seinen Jüngern oft als Gast aufgenommen wurde, um sich auszuruhen. Betanien war für Jesus ein Ort der Freundschaft. Unsere Gäste haben die Möglichkeit, an unserem Tagesablauf teilzunehmen, an den Gebeten, den Arbeitszeiten, den Mahlzeiten und den Ruhezeiten. Indem unsere Gäste an unserem Tagesablauf teilnehmen, haben sie die Möglichkeit sich geistlich zu erholen, den Glauben zu vertiefen und die Dimension der Freundschaft neu zu entdecken. Ansonsten führen wir die Tradition der Kapuziner fort, mit täglicher Beichtgelegenheit von 16 bis 17.30 Uhr, Gesprächen und Seelsorge.

Wie viele Klöster hat die Franziskanische Gemeinschaft von Betanien insgesamt? Wie viele Personen sind in Ihrer Gemeinschaft?
Wir haben acht Klöster in Italien, eins in der Schweiz, eins in Brasilien, eins in Deutschland und ab Herbst 2016 kommt noch ein Kloster in Klagenfurt hinzu. Hier in Aschaffenburg sind wir elf Personen, vier Brüder und sieben Schwestern.

Sie sind eine gemischte Gemeinschaft. Das ist bei uns eher ungewöhnlich. Wie kann man sich das Leben im Kloster in einer gemischten Gemeinschaft vorstellen?
Unsere Berufung ist die, sich total für Gott zu entscheiden. Unsere Gelübde sind Gehorsam, Armut und Keuschheit. Ganz wichtig ist für uns die Beziehung zu Gott zu pflegen. Für uns ist das Gemeinschaftsleben sehr wichtig. Durch die Liebe zu Gott entwickelt sich die Liebe zu allen Menschen gleich. Das ist eine Übung, die lebenslang dauert. Wir sind wie eine Familie, die berufen ist, etwas gemeinsam aufzubauen.

Wie sieht ein normaler Tagesablauf im Kloster aus?
Um 7 Uhr klingelt der Wecker. Um 7.30 Uhr beginnt das Morgengebet in der Kirche. Danach, um 8 Uhr frühstücken wir, dann beginnen die Arbeiten im Haus, wir machen alles selbst, alle Arbeiten sind verteilt. Es werden alle Begabungen gebraucht. Um 12.45 Uhr ist unser Mittagsgebet, danach essen wir zu Mittag, wir kochen selbst, es kommt immer einer von uns an die Reihe. Nach dem Essen räumen wir gemeinsam auf. Von 14.30 bis 16.30 Uhr ist die Ruhezeit, Zeit für das persönliche Gebet, Studium und um auszuruhen. Danach haben wir bis 18 Uhr Zeit zur freien Verfügung z.B. für Gartenarbeit, Büroarbeiten, Seelsorgegespräche, aber auch Spaziergänge, Sport usw. Um 18 Uhr treffen wir uns zum Abendgebet, um 18.30 feiern wir den Gottesdienst. Nach der Messe gibt es Abendessen. Nachdem wir gemeinsam aufgeräumt haben, setzen wir uns alle zusammen, reden über die Erlebnisse des Tages, schauen gemeinsam die Tagesschau, ab und zu auch mal einen Film. Um ca. 21.30 beten wir das Schlussgebet, um 22.15 Uhr ist Nachtruhe. Dreimal in der Woche treffen wir uns nachts von 3 bis 4 Uhr zum Nachtgebet. Wir versuchen, eine menschliche Atmosphäre zu schaffen. Man braucht viel Disziplin, aber wir haben auch Spaß am Leben. Wir feiern die Festtage, trinken auch mal ein Glas Wein, wir brauen auch unser eigenes Bier, allerdings nur für den Eigenbedarf.

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Schwestern und Brüder beim Feiern


Sie beten sehr viel, geht Ihr auch nach draußen um zu missionieren?
Nicht direkt, es kann sein, dass man uns ruft, einen Vortrag zu halten oder unsere Gemeinschaft vorzustellen. Eigentlich ist unser Apostolat aber im Kloster, das war von Anfang an so gedacht. Wir sind der Meinung, dass der Glaube vor allem durch die Freundschaft, durch das Zusammensein, von Herz zu Herz weitergegeben wird.

Wie sieht Ihre Seelsorgetätigkeit für die Menschen in Aschaffenburg aus?
Für den seelischen Beistand stehen Brüder und Schwestern für Gespräche zur Verfügung. Die Menschen brauchen jemanden, der zuhört, sie haben ein großes Bedürfnis nach Zuwendung. Nach einiger Zeit öffnen sie sich und erzählen von ihren Problemen. Eine sehr wichtige Aufgabe, die wir übrigens von den Kapuzinern übernommen haben, ist die Gefängnisseelsorge in der JVA Aschaffenburg. Wir statten den Gefangenen dort regelmäßige Besuche ab. Durch die Gespräche öffnen sie sich allmählich und können so die Nähe Gottes erfahren. Alle vierzehn Tage findet ein Gottesdienst in der JVA-Kapelle statt. Momentan klingeln bedürftige Menschen bei uns und wollen Essen, manchmal auch Kleidung. Die Menschen kommen vor allem gegen Abend. Mittags bekommen sie ein günstiges Essen bei „Grenzenlos“. Wir wollen demnächst eine Armenspeise für bedürftige Menschen anbieten. Dafür brauchen wir die Mithilfe von ehrenamtlichen Helfern.

Sie sind selbst eine junge Gemeinschaft. Wäre es nicht schön, wieder mehr Jugendliche und junge Familien für den Glauben zu begeistern. Was könnte man dafür noch verstärkt tun?
Wichtig ist das persönliche Zeugnis. Unser kürzlich verstorbener Gründer Pater Pancrazio pflegte zu sagen, die Art wie wir zusammenleben ist schon die Mission, die Gemeinschaft ist das, was anzieht, die Freude am Leben, ein Ort, an dem man sich wohl fühlt. Auch Menschen, die keine Kirchgänger sind, fühlen sich bei uns wohl. Es ist eigentlich nichts Neues, die Leute sehen wie wir leben, die Freude an der Gemeinschaft, das zieht die Menschen an.

Wie gefällt es Ihnen in Aschaffenburg? Wie sind die Aschaffenburger?
Wir haben uns hier sofort gut eingelebt. Aschaffenburg ist eine sehr schöne Stadt. Die Leute sind von Anfang an sehr offen und hilfsbereit gewesen. Die Aschaffenburger sind sehr begeisterungsfähig. In Italien habe ich diese Erfahrung nicht immer gemacht. Aschaffenburg kann sehr beispielhaft für andere Städte sein. Es besteht ein gutes Netzwerk zwischen den einzelnen Institutionen.

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Gäste sind stets willkommen


Sie feiern sonntags zwei Gottesdienste, sind sie mit der Teilnahme zufrieden?
Beide Sonntagsgottesdienste – um 8.30 und um 10.30 Uhr – sind gut besucht. Unter der Woche feiern wir auch täglich morgens früh Gottesdienste um 8 Uhr, am Dienstagabend eine Stille Messe und jeweils Mittwoch bis Freitag abends um 18.30 die Gemeinschaftsmesse.

Jetzt noch eine persönliche Frage, was haben Sie gemacht, bevor Sie ins Kloster gingen?
Ich war Frisör, in der Schweiz, im Kanton Aargau hatte ich sieben Jahre lang ein Frisörgeschäft, seit 2006 bin ich in der Gemeinschaft.
Ich war im Hotelfach tätig und war Sekretärin im Bankbereich. 1990 bin ich in den Orden eingetreten.

Gibt es etwas, was Sie unseren Lesern noch mitteilen wollen? Was ist Ihnen noch wichtig?
Unser Kloster soll ein Ort der Begegnung sein, wir wollen für die Stadt und die Menschen da sein. Die Franziskaner waren schon immer nah am Volk. Menschliche und geistliche Unterstützung, das ist unser Ziel.

Liebe Schwester Paola, lieber Bruder Nicola, herzlichen Dank für das interessante Interview.
Interview: Christiane Schmidt-Rüppel

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