Interview mit Angelo Ippolito: „Nach meiner Ankunft in Deutschland habe ich gleich gearbeitet“

Im Juli 2016 erhielt Angelo Ippolito die Ehrenmedaille der Marktgemeinde Stockstadt für sein jahrelanges Engagement. Er wurde am 2. Mai 1935 in Crispiano, Apulien als ältestes von drei Kindern einer Bauernfamilie geboren. Seit mehr als 50 Jahren lebt er mittlerweile schon in Stockstadt und hat in dieser Zeit viel für seine Landsleute in der Marktgemeinde getan. Wie er nach Stockstadt kam, seine abenteuerliche Reise und wie der Alltag der italienischen Gastarbeiter im Deutschland der 60er Jahre aussah, schildert Angelo Ippolito in seinem 2007 erschienenen Buch „Der Koffer“. Wir haben uns mit dem 81-jährigen über sein bewegtes Leben unterhalten.

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Herr Ippolito, seit wann leben Sie in Deutschland?
Ich kam am 13. Januar 1966 nach Deutschland, lebe also seit über 50 Jahren in Stockstadt.

Wie sind Sie nach Deutschland gekommen?
Ich kam mit dem Zug aus Taranto. Meine Heimatstadt ist Crispiano in Apulien. Ich habe damals zwei Tage und Nächte im Zug verbracht, am dritten Tag nach meiner Ankunft in Stockstadt habe ich gleich angefangen, in der Papierfabrik zu arbeiten. Bei der heutigen Firma Sappi, der früheren PWA. Die Stelle in der Papierfabrik hat mir mein Schwager vermittelt. Ich habe dann 30 Jahre dort gearbeitet.

Warum sind Sie nach Deutschland gekommen?
Ich stamme aus einer Bauernfamilie und habe auch selbst in der Landwirtschaft gearbeitet. Die Arbeit auf den Feldern mit Erde, Trauben, Oliven, das war mein Leben. Aber das Geld reichte nicht, um meine Familie mit drei kleinen Kindern zu ernähren. Und da es in Italien in den 60er Jahren wenig Arbeit gab, wollte ich in Deutschland mein Glück versuchen und Geld für mich und meine Familie verdienen. Mein Schwager wohnte damals schon in Stockstadt und verhalf mir zu meiner Arbeitsstelle in der Papierfabrik.

Wie waren Ihre ersten Eindrücke als Sie nach Deutschland kamen?
Bei meiner Ankunft war ich zum ersten Mal in Deutschland. Es war Winter, es war sehr kalt und es lag Schnee. Mein Herz ist in Italien, doch meine Sonne ist hier, wo meine Familie ist. Das ist mein Lebensmotto.

Wann ist Ihre Familie nachgekommen?
Am 10. Oktober 1966 habe ich meine Familie nachgeholt. Meine Frau war krank, es ging ihr nicht gut. Wir haben dann eine günstige Wohnung gefunden, genau in dem Haus, in dem wir heute noch wohnen, direkt gegenüber der Fabrik. Die Ankunft meiner Familie wurde von einem schlimmen Unglück überschattet. Einen Tag nach unserer Ankunft in Stockstadt geschah direkt vor unserem Fenster ein schrecklicher Unfall, bei dem zwei italienische Frauen starben und zwei Kinder verletzt wurden. Ein Kind davon war meine ältere Tochter, der es zum Glück wieder gut geht.

Fühlen Sie sich in Deutschland zuhause?
Ich habe keine Probleme in Deutschland, es ist alles klar. Am Anfang hatte ich Sprachprobleme, ich konnte natürlich kein Deutsch. Wir sprechen zuhause nur italienisch. In der Holzhalle, wo ich 15 Jahre gearbeitet habe, habe ich mit Italienern gearbeitet, so habe ich auch dort wenig Deutsch geredet. Ich fühle mich wohl hier, auch weil meine nächste Familie hier lebt.

BildWas hat Sie bewogen das Buch „Der Koffer“ zu schreiben?
Am 13. Januar 1966 kam ich mit dem Zug aus Taranto in Stockstadt an, nur mit einem Koffer. Ich habe das Buch geschrieben, um meine Gefühle und Erfahrungen, die ich bei meiner Reise nach Deutschland hatte, zu verarbeiten. Der Unterschied zu den Flüchtlingen heute besteht darin, dass wir damals wussten, wohin wir wollten. Ich hatte ein genaues Ziel, die Flüchtlinge heute haben das meistens nicht.

Wofür haben Sie die Ehrenmedaille
der Marktgemeinde Stockstadt erhalten?

Am 29. Juli habe ich die Ehrenmedaille erhalten für meinen jahrelangen Einsatz für die in Stockstadt lebenden Italiener: Dass ich vor 50 Jahren nach Stockstadt kam, außerdem für acht Jahre Mitgliedschaft im Pfarrgemeinderat, 10 Jahre Betriebsrat bei der PWA, jahrelange Korrespondenz mit dem Italienischen Konsulat und für die Gründung des Vereins AFIS (Associazione Famiglie Italiane Stockstadt). Dafür wurde ich auch von meiner Heimatstadt Crispiano geehrt.

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Ehrung in Italien


Wie gefällt es Ihnen heute in Stockstadt? Fühlen Sie sich wohl?
In Stockstadt ist es wunderbar. Ich liebe Stockstadt. Die Leute sind sehr freundlich. Ich verstehe mich gut mit den Menschen hier.

Haben Sie noch Kontakt mit Ihrer alten Heimat?
Ich habe noch regen Kontakt nach Italien. Wir führen viele Telefonate und haben auch oft Besuch von meinen Verwandten aus Italien. Ich habe ein Haus in meiner Heimatstadt Crispiano, kann aber leider seit drei Jahren nicht mehr dorthin, weil ich an ein Sauerstoffgerät gebunden bin.
Ich möchte an dieser Stelle noch vielen Dank sagen, an die Papierfabrik und die Gemeinde Stockstadt, die mir ein so gutes Leben ermöglicht haben.

Lieber Herr Ippolito, vielen Dank für das interessante Gespräch. // Interview: Christiane Schmidt-Rüppel // Foto: Privat


Ein Auszug aus dem Buch „Der Koffer“ von Angelo Ippolito:
„Die verfluchte Reise dauerte zwei Tage und endete nach allen Strapazen um 17:00 Uhr des 13. Januar 1966 in Stockstadt am Main. Es schneite. Überall stiegen Leute ein und aus und von weitem hörte man die Geräusche der Fabrik. Dort sollte ich anfangen zu arbeiten. Doch zuerst kamen die Wohnungsbesichtigungen, dann machten wir uns frisch und um 21:20 Uhr begann mein erster Arbeitstag, beziehungsweise die Nachtschicht.“

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