Exklusivinterview mit dem Ausnahme-Ringer Alexander Leipold

„Ringen ist wie Schach auf der Matte“: Alexander Leipold im ausführlichen Interview über seine sportlichen Erfolge wie 34 Mal Deutscher Meister, viermal Europameister, dreimal Weltmeister und Sieger bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney und wie er schwere Schicksalsschläge bewältigt hat.

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Alexander Leipold


34 Mal Deutscher Meister, viermal Europameister, dreimal Weltmeister und Sieger bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney – das ist die Erfolgsbilanz des 1969 in Alzenau geborenen Ausnahme-Ringers Alexander Leipold. Doch neben den sportlichen Erfolgen gab es auch schwere Schicksalsschläge. Wie er diese bewältigt und wie er seine Siege errungen hat, erzählt er im Exklusivinterview.

Alexander, seit wann ringst Du und wie kamst du überhaupt zum Ringen?
Mein Vater und mein neun Jahre älterer Bruder waren beide Ringer. Sie haben mich immer zu den Turnieren mitgenommen. Ich habe praktisch auf der Matte das Laufen gelernt. Mit fünf Jahren habe ich in Dettingen mit dem Ringen angefangen und auch selbst mein erstes Turnier gerungen. Ich habe den vierten Platz von vier Teilnehmern erzielt, das klingt besser als letzter Platz. Ich habe schon damals gelernt, dass man durch viel Training erfolgreicher wird und dadurch wiederum die Motivation steigt, weiterzumachen. Später habe ich dann in Mömbris mittrainiert. Ich werde nie vergessen, wie ich gegen meinen Angstgegner trainiert und ihn dann bei der Bezirksmeisterschaft besiegt habe. Da war ich acht Jahre alt. Mit zehn Jahren wurde ich zum ersten Mal Deutscher Meister. Zu dieser Zeit habe ich schon fünfmal pro Woche trainiert.

Was ist für Dich das Schöne am Ringen? Warum kannst Du diese Sportart Kindern und Jugendlichen empfehlen?
Ringen erfordert eine gute allgemeinathletische Ausbildung. Kondition, Kraft, Beweglichkeit und Schnelligkeit, dazu noch Technik und Taktik. Ringen ist wie Schach auf der Matte – man muss auch mehrere Schritte vorausdenken. Ringen ist ein sehr abwechslungsreiches Training. Es gibt 100 verschiedene Techniken, die Kombination aus den Techniken ist unendlich, wie die Reiskörner auf dem Schachbrett. Mit guter Technik kann ich auch einen schwereren, körperlich stärkeren Gegner fair besiegen. Außerdem ist Ringen die einzige Zweikampfsportart, die den Gegner nicht kampfunfähig macht. Es gibt keinen Gesichtsverlust beim Unterlegenen.
Beim „Raufen nach Regeln“ lernen Kinder und Jugendliche Respekt vor ihren Mitmenschen, sie lernen fair miteinander umzugehen, keiner wird ausgeschlossen. So ist Ringen auch eine tolle Sache zur Integration von behinderten Kindern. In Nordrhein-Westfalen ist das Ringen und Raufen sogar Pflichtbestandteil des Sportunterrichts. Es gibt viele Punkte, die für´s Ringen sprechen.

Du hast selbst zwei Söhne, konntest Du sie für das Ringen begeistern?
Beide Söhne haben gerungen. Mit meinem jüngeren Sohn Neo habe ich am gleichen Tag eine Medaille gewonnen. Er war Hessenmeister in seiner Altersklasse, hat sich aber für den Fußball entschieden. Mit Tim habe ich zusammen beim Stemm-und Ringverein Germania Dettingen in der ersten Mannschaft gerungen. Er spielt jetzt aber Tischtennis.

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Der kleine Alexander in Aktion


Nun zu den sportlichen Erfolgen – vielfacher Deutscher Meister, Europameister, Weltmeister und Finalsieger bei den Olympischen Spielen 2000 – was ist Dein Erfolgsrezept?
Mein Erfolgsrezept heißt Training, Training, Training. Ich habe schon immer sehr viel trainiert, auch schon mit 10 Jahren. Wichtig ist, dass man intelligent trainiert und nicht den gleichen Fehler immer wieder macht. Man lernt mit mehr Training mehr Situationen kennen. Aus Niederlagen lernen, das ist das Wichtigste. Ich habe in jedem Training versucht, aus Fehlern zu lernen. Intelligentes Training ist alles, nicht nur um körperlich fit zu sein, sondern um später den Kampf zu gewinnen.

An welche sportlichen Ereignisse erinnerst Du Dich besonders gern?
An meine ersten Olympischen Spiele 1988 in Seoul, mit gerade 19 Jahren als jüngster Ringer, an die Europameisterschaft 1991 in Stuttgart nach langer Knieverletzung, an die Weltmeisterschaft 1994 mit Schultersieg, natürlich auch an die Olympischen Spiele 2000 in Sydney und als ich 2005 nach den drei Schlaganfällen noch einmal Weltmeister wurde. Und die Erfolge als Deutsche Mannschaftsmeister mit Bavaria Goldbach waren gigantisch.

Was sind Deine Erinnerungen an Deinen Olympiasieg 2000 in Sydney?
Halbfinale und Finale waren sensationelle Kämpfe. Als ich die Goldmedaille in den Händen hielt und die Nationalhymne hörte war ich unbeschreiblich glücklich und dankbar.

2003 hast du nach einer schweren Viruserkrankung drei Schlaganfälle erlitten. Wie ging es danach weiter?
Nach den Schlaganfällen war ich halbseitig gelähmt, konnte nicht mehr sprechen. Ich war wie ein Kleinkind, musste gefüttert und angezogen werden. Ich habe, als es mir wieder etwas besser ging, schon in der Klinik kleinste Übungen gemacht und während der Reha im Medical Park Bad Rodach für mein Ziel gekämpft, wieder zurück ins Leben und auf die Matte zu kommen. Diese Ziele waren mein innerer Antrieb. Dann, nach den sportmedizinischen Tests, konnte ich, auch mit Hilfe meines Freundes des Physiotherapeuten Werner Krass, wieder langsam mit dem Training beginnen. Kurz vor Weihnachten 2003 habe ich meinen ersten Kampf nach dem Schlaganfall gekämpft.

Wovor hattest Du in dieser Zeit am meisten Angst und was hat Dir geholfen wieder auf die Beine zu kommen?
Meine größte Angst war, ein lebenslanger Pflegefall zu bleiben. Ich war gefangen in meinem Körper. Meine Familie, meine Freunde und mein Ziel, wieder mein normales Leben zu führen, waren mein größter Antrieb.

2013 hast Du das Bundesverdienstkreuz bekommen. Wofür?
Ich bin stolz, so früh schon das Bundesverdienstkreuz bekommen zu haben, für mein soziales Engagement und als sportliches Vorbild. Wenn ich Zeit habe und es mit der Familie vereinbaren kann, setze ich mich für soziale und karitative Zwecke ein. Oft versuche ich auch meine eigenen Kinder mitzunehmen, zum Beispiel bei der Aktion „Menschen für Kinder“, die sich für kranke und in Not geratene Kinder einsetzt. Außerdem bin ich Botschafter der Deutschen Schlaganfallhilfe und nehme jedes Jahr an der „Tour der Hoffnung“ teil, einer Radtour mit vielen Prominenten, deren Erlös an krebskranke Kinder geht.

Von 2005 bis 2012 warst Du Bundestrainer der Freistilringer, wie war diese Zeit für Dich?
Trainer zu sein, war eine große Herausforderung und eine Zeit, an die ich mich sehr gerne erinnere. Es ist etwas ganz Besonderes, die Sportler auf ihrem Weg zum Erfolg zu begleiten.

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Alexander Leipold mit Sportprominenz


Und Let´s dance, wie war diese Herausforderung?
Let´s dance war eine tolle Herausforderung. Es war sehr anstrengend, eine Sportart innerhalb von wenigen Tagen zu erlernen, die man gar nicht kann, unter dauernder Beobachtung einer Kamera und das Ergebnis dann vor über 5 Mio Zuschauern zu präsentieren. Aber es hat riesig Spaß gemacht und es war eine Erfahrung für‘s Leben.

Was ist der Inhalt Deiner Vorträge? Wen willst Du damit erreichen?
In meinen Vorträgen geht es um Motivation von Menschen mit Rückschlägen in jeder Hinsicht. Ich werde zum Beispiel von Rehakliniken gebucht, aber auch für Veranstaltungen von Firmen für ihre Mitarbeiter und Führungskräfte. Es geht dabei immer um den Umgang mit Niederlagen und Rückschlägen und dass scheinbar ausweglose Situationen meistens eine Chance für eine Lösung bieten.
Weiter zeige ich die Gemeinsamkeiten von einem Sportler der Weltspitze und einer Führungskraft. Es geht um Spitzenleistung! Es geht um Erfolg! Wie wird man erfolgreich? Das Ganze präsentiere ich mit Beispielen aus meinem Leben.

Wovon handelt Dein neuestes Buch „Wer nicht kämpft, hat schon verloren“? Hast Du damit Dein eigenes Schicksal aufgearbeitet?
Nicht aufgeben, das ist die Message meines Buches. Es ist ein Motivationsbuch für Leute, denen es gerade nicht gut geht. Ich habe auch, wie jeder andere, Rückschläge erlebt. In dem Buch habe ich die Rückschläge verarbeitet. Während der Zeit sind sicher einige Tränen geflossen. Das Buch war ursprünglich als Geschenk für Freunde gedacht, die mir auf meinem Weg geholfen und mich unterstützt haben.

Was möchtest Du unseren Lesern noch mitgeben?
Ich habe ein schönes Zitat von Oskar Wilde: „Am Ende wird alles gut. Und wenn es nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende.“

Vielen Dank, lieber Alexander Leipold, für das interessante Gespräch.
Interview: Christiane Schmidt-Rüppel // Fotos: © Alexander Leipold

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